254 ATHIS UND PKOPHILIAS.
daselbst die Kriegskunst zu erlernen: umgekehrt schickten dieRömer ihre Söhne nach Athen, damit sie sich dort in denWissenschaften ausbildeten. Evas, ein angesehener Römer,hatte zu Athen den Unterricht des Savis genossen, der auchnachher sein Freund geblieben war. Diesem sendet Evas seinenSohn Prophüias als Schüler zu. Aber auch Savis hatte einenSohn, Athis genannt, der in Rom die Führung der Waffen er-lernen soll. Athis ist eben im Begriff, sich einzuschiffen, alsProphüias anlangt. Er führt diesen zu Savis, der den Sohnseines Freundes aufs Beste empfängt. Athis ändert seinen Ent-schluss und will erst dann nach Rom gehen, wenn Prophüiasdahin zurückkehrt. Prophüias zeichnet sich bald durch Fort-schritte in den Wissenschaften aus.
2. Eines Tags, als beide am Meeresstrand wandeln, ent-deckt Athis seinem Freunde, dass Savis die Absicht habe, ihnzu vermählen; der Tag der Verbindung sei schon angesetzt.381 Bald nachher lädt er den Prophüias ein, seine Braut, die Car-37 diones heisst, zu sehen. Prophüias wird bei ihrem Anblick vonso heftiger Liebe entzündet, dass er in Siechthum verfällt. Athiskommt mit seinem Vater den Kranken zu besuchen, und eswerden Ärzte herbeigeholt. Indessen wird die Hochzeit ge-feiert. Während man bei dem festlichen Mahl versammelt ist,verlässt Athis die Gesellschaft und begibt sich zu seinem Freund,dessen Leiden sich verdoppeln, als er hört, dass die Geliebtesich in Einem Hause mit ihm befinde. Athis dringt so langein den Kranken, bis er ihm die wahre Ursache- seiner Leiden,die Liebe zu Cardiones, entdeckt. Die Kräfte schwinden ihmnach diesem Geständnis, aber Athis, der treue Freund, umarmtihn und erklärt sich bereit, ihm seine Gesundheit wieder zuverschaffen. »Ich will«, sagt er zu ihm, »heute Nacht meinBett verlassen und dir den Platz neben meiner Frau einräumen;nur hüte dich zu sprechen und vor allem hüte dich einzu-schlafen. Sobald du zurückgekehrt bist, nehme ich meinen erstenPlatz wieder ein«. Der Kranke wird in eine Kammer nebender seines Freundes gebracht. Als Athis mit seiner Neuver-mählten zu Bett gegangen ist, zaudert er ungewiss; doch dieFreundschaft siegt, und er beharrt bei seinem Entschluss. Er