146 DIE SAGE VOM URSPRUNG DER CHRISTUSBILDER.
mir zu Herzen: aber wenn ich nicht zu Hilfe komme, so istdeine Kunst vergeblich. Mein Antlitz ist nur da bekannt, vonwannen ich bin gesendet worden«. Dann spricht er zur Frau:»geh heim, nimm dein Tuch mit dir und bereite mir ein wenigSpeise: noch heute komme ich zu dir«.
Freudig eilt Veronica nach Haus und richtet das Nöthigezu. Der Sohn Gottes kommt', verlangt Wasser und beginntsich zu waschen. Hierauf nimmt er das Tuch, das Veronicaihm darreicht, sich damit abzutrocknen. Er drückt es an seinGesicht, und die Zwehle empfängt das Antlitz des Herrn.»Das ist mir gleich«, spricht er zur Frau, »es verleiht dirgrosse Macht und wird allen deinen Freunden frommen.Zeichen werden damit geschehen, wenn man mich hier nichtmehr sehen wird«.
Christus geht hierauf nach dem Jordan, und das Gedichtfährt in der Erzählung der heiligen Geschichte fort, ohne dassder Frau Veronica noch einmal Erwähnung geschähe. Sieerscheint aber in der folgenden Dichtung wieder.
Zu Rom herrscht mit grosser Macht König Vespasian. Erleidet an einer furchtbaren Krankheit, die kein Arzt heilenkann. Die Wespen fliegen ihm in das Haupt wie ein Bienen-schwarm: man kann hindurch sehen: alles ist abgefressen. Esist ein entsetzlicher Anblick. Titus, sein Sohn, bringt einenfremden Israheliten zu ihm, der ihm sagt, zu Jerusalem befindesich ein Mann, der im Stande sei ihn zu heilen: man heisseihn Gottes Sohn, und von seinen Worten werde jeder Krankegesund. »Willst du zu ihm über Meer fahren«, fügt derFremde hinzu, »so will ich dich geleiten. Erscheinst du inDemuth vor ihm, so hilft er dir«. Vespasian seufzt und spricht:»ich bin zu schwach: wie gerne ich auch wollte, mir fehlt dieKraft«, und zu Titus sich wendend fügt er hinzu: »lieber Sohn,fahr du über Meer: nimm grosses Gefolge mit dir, Gold undSilber, so viel du willst, und bringe mir den guten Mann hier-her. Ich gebe ihm Gold, so viel ein Schiff trägt, und dazumeine Huld«.129 Titus rüstet sich und fährt mit grosser Macht hinüber.