Deutsche Stenographie. qj
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Das sind in runder Summe 50.000 Stenographen, eine stattliche An-zahl gegenüber anderen Ländern, aber ein sehr verschwindender Bruch-theil der »Gebildeten der deutschen Nation«, für welche selbst nach derMeinung der Anhänger der älteren Systeme die Stenographie bestimmt seinsoll. Weniger als die Hälfte davon gehören dem ältesten der jetztbestehenden Systeme, dem sechzigjährigen Gabelsberger'schen, an, welcheszudem von der österreichischen, der bayerischen und sächsischen Regierungin die Schule eingeführt ist, wo jährlich Tausende von Schülern auf Staats-kosten unterrichtet werden; mehr als die Hälfte sind aber nach Systemenherangebildet, welche eine solche staatliche Unterstützungnicht genießen, welche jedoch in der größeren Einfachheit ihrerLehre ein Gegengewicht gegen die schwerwiegende staatliche Unterstützungdes privilegierten Systems besitzen. Schon hierdurch ist die Nothwen-digkeit des Bestandes dieser neueren Systeme gerechtfertigt.
Noch mehr ist sie es, wenn nicht die Zahl der Anhänger, sondern dieGrundsätze der Systeme in die Wagschale fallen. Die Einfachheit der Lehresteht in engem Zusammenhange mit dem wissenschaftlichen Aufbau derSysteme. Je einfacher die Regeln sind und je consequenter ihre Durchführungist, desto leichter ist die Erlernung, und je einfacher die Erlernung ist, destoweiter wird der Kreis der Lernenden. Eine Trennung des Volkes in Gebildeteund Ungebildete bestand in den ersten Decennien unseres Jahrhunderts, woder Gymnasialunterricht diese Kluft noch schuf. Aber gerade in Deutsch-land, wo der allgemeine Schulzwang die Bildung in die weitesten Schichtendes Volkes führte, ist diese Trennung in Bezug auf die Kurzschrift am we-nigsten am Platze. In der That beweist die Statistik der Stenographen-vereine, dass der größte Theil ihrer Mitglieder nicht aus den Gymnasienhervorgegangen ist, und wenn diese Kreise das Bedürfnis fühlen, die Steno-graphie zu erlernen, so ist es nur Pflicht der Stenographie, ihnen entgegen-zukommen und ihnen die Erlernung zu erleichtern. Dass durch eine solcheVereinfachung der Stenographie die Verwendung derselben zum Nach-schreiben der schnellsten Reden nicht beeinträchtigt wird, ist einebewiesene Thatsache.
Eine Vereinigung der Vertreter verschiedener Systeme, wie sie in Eng-land -die Shorthand Society schuf, ist bisher in Deutschland unmöglichgewesen; schüchterne Versuche, eine Zeitschrift für Stenographen aller Sy-steme zu gründen, sind bald genug gescheitert. Der sogenannte internationaleStenographentag zu München 1890 war eigentlich ein Gabelsberger'scherStenographentag, an welchem einige Vertreter anderer Systeme als Gästetheilnahmen. Auf dem folgenden internationalen Stenographentage in Berlin1891 waren die verschiedenen deutschen Systeme besser vertreten, aber dieSpitzen der Gabelsberger'schen Schule hielten sich fern. Dieser Geist derUnverträglichkeit ist umsomehr zu bedauern, als die deutschen Stenographie-systeme keine principiellen Gegensätze enthalten, sondern sich nurin untergeordneten Fragen von einander unterscheiden, allen gemeinsam istdie cursive Schrift und diese bildet den großen Gegensatz zwischen derdeutschen Stenographie und den Stenographien Frankreichs und Englands.
Faul mann, K„ Geschichte und Litteratur der Stenographie. 7