IV
der Buchdruckerkunst, andererseits aber auch der Unfähigkeit der be-stehenden Stenographiesysteme, an deren Stelle zu treten.
Leider hat die Stenographie in dem Streben nach den höchstenLeistungen nur springen, nicht gehen gelernt, sie hat auf dem Ge-biete der Abkürzungen mehr gearbeitet als auf dem Gebiete derSchrift. Die meisten Stenographien können ohne Abkürzungen garnicht geschrieben werden. Es ist dies zwar sehr natürlich; dennder Mensch ist gewöhnt, stets die nächsten Bedürfnisse zu befriedigen,und diese lagen hier im Schnellschreiben. Erst als ihnen auf ver-schiedene Weise Rechnung getragen war, konnte man ruhigerenGeistes Umschau halten unter den Errungenschaften und finden, dassdas Ziel auch auf weniger gewaltthätige Weise zu erreichen war.So entstand die stenographische Vollschrift, welche für gewöhnlichjeden Laut schreibt und nur beim Nachschreiben der schnellen Redezur Abkürzung greift.
Damit wäre die Frage gelöst, welchen Inhaltes jene Schrift seinsollte, welche an Stelle der gewöhnlichen Currentschrift zu setzenwäre; aber es ergab sich die weit schwierigere Frage, welches vonden verschiedenen Systemen das geeigneteste sei, das Erbe der Cur-rentschrift anzutreten. Diese Frage zu entscheiden, ist bisher nochnicht gelungen, weil der berufene Richter fehlt. Am berufenstendazu scheinen die Stenographen selbst zu sein. Aber der Stenographhat gewöhnlich jene Schnellschrift gelernt, die ihm zufällig begegnete,sei es, dass er sie in einem Buche fand, sei es, dass sie ihm voneinem Bekannten oder in der Schule gelehrt wurde. Es wurde ihmgesagt, dass dies die beste Stenographie sei, und er glaubte daran,er hielt ihre Regeln für Offenbarungen einer höheren, ihm bisherunbekannt gebliebenen Weisheit, er lernte mit Eifer, übertraf seineCollegen und wurde oft eine Autorität in seinem System. Gelang esihm, Fertigkeit im Nachreiben schneller Reden zu erlangen, so schrieber dies weniger seinem Fleiße als vielmehr den Vorzügen seinesSystems zu, und wenn er dieses Ziel nicht erreichte, so genügte ihm dieThatsache, dass andere es erreicht hatten, um sein System für dasallein zum Nachschreiben befähigende zu halten. Da gegenwärtigdas Streben vorherrscht, die Stenographie zum Gemeingut zu machen,so ist ein fanatischer Anhänger eines Stenographie-Systems der Feindjeder anderen Stenographie; er hält sie für überflüssig, ja für schäd-lich, weil er glaubt, sie hindere sein System, das einzig anzuwendendezu werden. Geht aber dennoch ein solcher Stenograph tiefer in einanderes System ein, so wird er dies stets mit dem Maße seines eige-nen Systems messen. Er wird Zeichen unschreibfiüchtig finden, weiler sie nicht gewöhnt ist, er wird die Kürze tadeln, weil seine aus-führlichere Schreibung ihm lesbarer erscheint, er wird die Einfach-