Berlin O, Nummer 3o; das Haus sah bös aus, Revolutions-ruine, keine ganze Fensterscheibe, Risse in den Wänden vonFbegerbomben, schien ganz ohne Bewohner, nur im Laden,der geschlossen war — Musike.
Ein junges, recht feierlich aussehendes Mädchen, das miteinem halbwüchsigen, feldgrauen Burschen ein altes, lahmes,müdes, zerrissenes Sofa vom Handwagen lud und gerade erstin das Haus einzog, frag ich, wo Lene wohne: ,Immer da,wo't lustig is!' Sie zeigte auf den Laden. ,Ick bringe bloßnoch mein Jeschäft in Ordnung un' verklebe det Fenster, dennbin ick ooch dabei.'
An der Hintertür klopfte ich an. Mit großer Freude wurdeich empfangen und kam gerade recht zum Kaffee: Kaffee,Sahne, Kuchen, alles Marke 1913, noch alles da! Die Fest-tafel: Bretter mit weißen Tischtüchern. Überall nicktenmir, zwischen Grün und Blumenpracht, die Gesichter deralten Bekannten zu. Da gab's keine Vermißten, Inter-nierten, in fremden Ländern Gefangengehaltenen, keine Ver-letzten, überall blanke Augen, rote Wangen, selbst Totgesagtewaren hier, wer fehlte, saß!
Die Herren in tadellosen modernen Oberhemden mit fun-kelnden Knöpfen; der Bequemlichkeit halber hatten sie sichdie Röcke ausgezogen. Die Damen waren sowieso luftigkostümiert. Na, und das Hochzeitspaar, Fritze und Lene!Du weißt ja, daß beide nicht heiraten konnten, es war irgend-was dazwischen. Unter der neuen Regierung gings aber nunglatt. Die Kinder, die Du noch klein gesehen, sind jetzt großund kräftig, Hans zwanzig und Grete neunzehn, der kleineFritz vierzehn Jahre, alles echt Berlin.
Bouillonfritze ist stärker geworden. Das macht wohl diefrische Luft. Das bekommt ihm besser als früher das nächt-liche Kellerleben; er spielt noch seine ,iooo-Mark'-Geige, diemal jemand — im Keller ,vergessen' hat. Auch die Kindersind musikalisch, Ziehharmonika, Mandoline, Guitarre, Hansspuckt auch auf den Knüppel, er bläst Flöte. Ich fragte:
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