Druckschrift 
Versuch einer Theorie des Märchens
Seite
198
Einzelbild herunterladen
 

198 Schluß.

Polemik nicht nur gegen andere gerichtet ist, sondern auch gegenmich selber: lasse ich doch von all dem, was ich seinerzeit in jenerden Märchen des Mittelalters vorausgeschickten Abhandlung, be-titelt Märchen des Volkes und der Literatur, geschrieben habe, nurweniges unberichtigt, und daß ich das nicht jeweils ausdrücklich hervor-gehoben habe, geschah wohl, wie ich nachträglich erkenne, haupt-sächlich aus einer Abneigung, dieser meiner frühern Arbeit eine allzugroße Wichtigkeit beizumessen; vielleicht fällt aber dabei auch derUmstand ins Gewicht, daß ich damals die ersten Schritte auf einemWege zu tun versuchte, den ich jetzt, ohne wieder von ihm abzuweichen,ein Stück weiter verfolgt habe, und überdies konnte ich zwei nichtgerade kleine Stellen unverändert übernehmen. Einwände warenzudem von mir nicht zu erwarten, wohl aber von den andern, die andereWege beschritten haben, und diesen Einwänden mußte natürlich,so weit sie vorauszusehen waren, sofort begegnet werden, was nurdadurch geschehen konnte, daß versucht wurde, die Grundlagen, aufdenen sie würden fußen können, zu erschüttern.

Leichtfertigkeit in unsern Folgerungen und Schlüssen wird unswohl niemand vorwerfen können: wir haben nicht in ängstlich abge-schlossenem Raum gearbeitet, wir haben keine Behauptung aufgestellt,ohne sie, wenn nicht ihre Richtigkeit ins Auge sprang, zu beweisenoder sie zumindest, von dem Standpunkt unserer Gegner aus gesprochen,zu belegen; wir haben Beispiel auf Beispiel gehäuft, haben auf dieKnappheit der Darstellung überall verzichtet, wo leicht hätte einMißverständnis aufkommen können, haben uns auch vor Wiederholun-gen nicht gescheut, um besonders Wichtiges von einer andern Seitezu beleuchten, und nie haben wir das Überraschungsmoment ausge-nützt, sondern sind stets Schritt für Schritt, fast zaghaft vorgegangen;oft aber wird man uns angesehen haben, wie wir selber von den Er-gebnissen überrascht worden sind, wie wir erschrocken sind über sichuns plötzlich eröffnende Möglichkeiten, die wir, aufrichtig gesagt,bei Beginn unserer Arbeit nicht geahnt hatten. Denn, gleichgültig,ob man es glauben wird oder nicht: es ist in der ganzen Darstellungnicht Ein Abschnitt, der nicht in der Reihenfolge niedergeschriebenworden wäre, in der er jetzt in dem Buche steht, und Änderungen, dievorne durch Späteres notwendig wurden, betrafen immer nur denWortlaut, nie den Inhalt; das Buch ist im Ganzen und Großen soniedergeschrieben worden, wie es nunmehr vorliegt, so daß uns derLeser bei der Arbeit zusehen kann, daß er beobachten kann, wie sichdas eine aus dem andern entwickelt hat.

Obwohl wir im allgemeinen verzichtet haben, unsere Urteile undMeinungen durch fremde Urteile und durch die Meinungen andererzu erhärten, haben wir doch nicht umhin können, uns auf andere zustützen, auf jene Gelehrte nämlich, deren Leistungen erst unsere Arbeitermöglicht haben. Jacob Grimm hat die Vorrede zu der zweiten Auf-lage der Deutschen Mythologie mit dem Satze geschlossen:Die nach-gelesenen Ähren vermache ich dem, der, auf meinen Schultern stehend,nach mir mit Ausstellung und Ernte des großen Feldes in vollen Zugkommen wird." Hier ist Stolz, berechtigter, edler Stolz eines Mannes,der wußte, daß nach ihm Kleinere kommen würden, um sich ihm auf