Druckschrift 
Kant als Philosoph der modernen Kultur : ein geschichtsphilosophischer Versuch
Entstehung
Seite
211
Einzelbild herunterladen
 

211

wir bereits aus unseren früheren Ausführungen. Gewiß wird vonKant die theoretische Vernunft der praktischen nicht in ungerecht-fertigter Weise so untergeordnet, daß sie dadurch vergewaltigt er-schiene. Wohl aber kommen die irrationalen Faktoren des religiösenLebens in der durch die Lehre vom Primat der praktischen Vernunfthergestellten und religionsphilosophisch ausgestalteten Einheit nichtzu ihrem vollen Recht, und das kann nicht anders sein, weil Kantsein letztes Einheit gebendes Prinzip zu moralistisch und deshalb zurationalistisch faßt.

Ziehen wir die Summe. Es bleibt in Kants Gedanken einerseits einunverlierbarer Kern, an dem wir festhalten: um die Totalität desmenschlichen Lebens philosophisch zu verstehen, muß man nichtnur ihre atheoretischen Seiten einer theoretischen Betrachtung unter-werfen, sondern um zur Einheit der Mannigfaltigkeit zu kommen,ist auch das theoretische Gebiet noch auf sein letztes Fundamenthin zu durchforschen, das nicht theoretisch zu sein braucht. Ge-lingt es dann, eine übertheoretische Basis für das Theoretische, einUeberlogisches im Logos selbst aufzuzeigen und mitlogischen Mitteln ausdrücklich ins theoretische Bewußtsein zu heben,dann ist das letzte Ziel einer umfassenden Philosophie des Kultur-lebens erreicht, denn dann kann man die ganze Mannigfaltigkeit derWertgebiete parteilos anerkennen und trotzdem zugleich das Prinzipihrer Einheit in der überlogischen Sphäre aufzeigen. Das ist diepositive Seite der Sache.

Dennoch bleibt andererseits Kants Prinzip eines Primats der prak-tischen Vernunft unzureichend, denn das Praktische macht, so ratio-nal, wie Kant es versteht, faktisch nur einen Teil des menschlichenLebens aus und darf vielleicht als dem Theoretischen, doch nicht alsder ganzen Kultur übergeordnet gelten. Kant kommt also zwar vomIntellektualismus los, verfällt aber zugleich in einen Moralismus, der,weil er sich bei ihm mit dem praktischen Rationalismus verknüpft,nicht minder einseitig ist. In einer wahrhaft umfassenden Welt-anschauung, auf welche sich eine wahrhaft universale Philosophieder modernen Kultur gründen läßt, ist nicht nur der Primat dertheoretischen, sondern auch der Primat der praktischen Vernunft,wie Kant sie faßt, ausgeschlossen. Man muß nach einem Drittensuchen, welches dann die letzte Basis sowohl des Theoretischen als