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Solange dieser Nachweis von der Wissenschaft nicht ge-führt ist, bleibt es dabei: durch die Schranken, die Kant dem Er-kennen setzt, indem er es von dem Absoluten und der Gottheit ab-scheidet, werden zugleich andere Schranken, die für den modernenMenschen in seiner Totalität unerträglich sind, niedergerissen. DasRecht, auch an den Eigenwerten des Staates als in sich ruhenden,autonomen Werten, die völlig außerhalb der intellektuellen Sphäreliegen, zu arbeiten, und einer Gottheit zu dienen, die der Erkenntniszwar entzogen ist, an die zu glauben aber keine Wissenschaft unsverbieten kann, ist von jeder intellektualistischen Einschränkung be-freit. Dafür wird der „ganze Mensch“ gern auf eine theoretische Er-kenntnis des „Absoluten“ verzichten.
So verstanden ist schon der Erkenntnistheoretiker Kant der Er-löser für die theoretische Not des modernen Menschen, der auch inder atheoretischen Kultur lebt, und er sichert überdies dem For-scher nicht allein den Sinn seiner einzelwissenschaftlichen Betäti-gung, sondern macht zugleich den Weg frei zu einer wahrhaft um-fassenden Philosophie jener modernen Kultur, die sich seit Renais-sance und Reformation in Europa auf wissenschaftlichem, politi-schem und religiösem Gebiet entwickelt hat.
ZWÖLFTES KAPITEL
DIE KRITISCHE THEORIE DESATHEORETISCHEN
Aber Kant hat noch mehr getan. Wir haben nun zu verstehen, wassein Denken nicht nur für die negativ befreiende erkenntnistheore-tische Grundlegung, sondern auch für die positiv kritische Ausgestal-tung der atheoretischen Teile einer modernen Kulturphilosophie be-deutet, und zwar ist die Frage zu stellen, wie bei Kant die verschiede-nen Wertgebiete der Kultur in ihrer atheoretischen Eigenart theore-tisch insBewußtsein gehoben sind. Daraus muß sich ergeben,inwiefernder Kritizismus auch inhaltlich jener Differenzierung des Kulturbe-wußtseins entspricht,von der wir zeigen konnten, daß sie für dasWesender Neuzeit seit Renaissance und Reformation charakteristisch ist.