Interesses liegt also nirgends auf dem Seelenleben, sondern überallauf dem, was durch das Seelenleben erfaßt wird. Worin besteht derobjektive Gehalt, zu dem die Menschen entweder als Griechen den-kend oder als Römer wollend oder als Christen fühlend Stellung neh-men ? Auf diesen Gehalt kommt es an, wenn die Begriffe des Grie-chentums, des Römertums und des Christentums in unserm ge-schichtsphilosophischen Zusammenhang klar werden sollen, und mitRücksicht darauf betrachten wir daher jetzt die drei großen Kultur-mächte.
SIEBENTES KAPITEL
GRIECHENTUM, RÖMERTUM, CHRISTENTUM
4
Die für uns wichtige Kulturleistung der Griechen ist ihre Schöp-fung der Wissenschaft, und wir konnten zeigen, wie in Verbindungmit ihr sich der Intellektualismus entwickelte. Von hier aus habenwir den Begriff des „Griechentums“ geschichts- und kulturphiloso-phisch zu bestimmen. Zu diesem Zweck legten wir den Begriff desIntellektualismus als Weltanschauung wertphilosophisch fest. Dertheoretische Wert der Wahrheit, den das wissenschaftliche Denkenim Erkennen verwirklicht, wird zum Wert aller Werte erhoben. Soverstehen wir: eine von dieser Wertung beherrschte Weltanschau-ung muß die Tendenz haben, auch im Staatsleben und in der Reli-gion die Faktoren für die eigentlich wesentlichen zu halten, die ent-weder selbst theoretischen Wert verkörpern oder sich in ihrer Be-deutung logisch begründen lassen. Die atheoretischen Kulturgüterund dementsprechend die außerintellektuellen Seiten des Menschengelten dagegen als unwesentlich. Sie können von einer Weltan-schauung solcher Art in ihrem Eigenwesen nicht gewürdigt werden.Der theoretische Mensch muß auch im Staat entscheiden wollen, wor-auf es ihm dabei ankommt, und er vermag die Religion nur soweitfür berechtigt halten, als sie sich auf eine Erkenntnis Gottes zurück-führen läßt. Mit anderen Worten: die griechische Weltanschauungsieht nicht allein in der Wissenschaft, sondern auch im Staat und inder Religion Formen der theoretischen Vernunft.