VORWORT
Der Inhalt dieses Buches ist zum größten Teil nicht erst jetzt ent-standen. Seit mehr als vier Jahrzehnten bemühe ich mich, Kant zuverstehen, und schon 1891 las ich über ihn mein erstes Kolleg. Oftbeschäftigte mich auch die Stellung des Kritizismus zur Kultur un-serer Zeit, und Vieles von dem, was auf den folgenden Blättern steht,habe ich wiederholt meinen Studenten vorgetragen, um im Anschlußdaran ihr Interesse für den überzeitlichen Gehalt der KantischenPhilosophie zu wecken. Die Veranlassung jedoch, meine Gedankenüber Kants Bedeutung für die moderne Zeit im Zusammenhangniederzuschreiben, gab erst die in Aussicht stehende Feier von Kantszweihundertstem Geburtstag.
Vielleicht bedarf die Veröffentlichung gerade in diesen Tagen derRechtfertigung. Im Buche selbst ist angedeutet, weshalb Kant dem,was jetzt als Philosophie gilt, sehr fern steht. Wer geistreiche Apho-rismen, tiefsinnige oder erbauliche Meditationen oder sonst etwasvon dem, was man heute „Weisheit“ nennt, vom Philosophen erwar-] tet, kommt bei der Lektüre der Vernunftkritik nicht auf seine Kosten.Wird ihr Verfasser trotzdem jetzt in weiten Kreisen gefeiert, so kanndas nicht überall auf sachlichen Gründen beruhen. In der allgemeini herrschenden Unsicherheit klammert man sich wohl oft an Kantsberühmten Namen, ohne viel danach zu fragen, was sein Werk wissen-schaftlich bedeutet. Die Art, wie ein Teil der Kantfeiern sich voll-zieht, entspricht dieser Geistesverfassung. Berichten doch SchweizerZeitungen unter dem Titel „Kant im Film“, daß der Philosoph kine-| matographisch dargestellt sei, und behaupten, ohne auf Widerspruchi zu stoßen, es werde „der Lichtbildreihe ein von dem derzeitigen In-haber des Kantischen Lehrstuhls verfaßter Vortragstext beigegeben,der Kants Persönlichkeit und Lehre allgemeinverständlich beleuchtet“.