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SECHSTES KAPITEL
DENKEN, WOLLEN, FÜHLEN
Um weiter zu kommen, ziehen wir, dem früher angegebenenGrundsatz entsprechend, wieder fremde Forschungen heran, welchedasselbe, auch uns interessierende geschichtliche Material behan-deln, es aber unter einem anderen Gesichtspunkt darstellen, und be-nutzen dann die dabei gewonnenen Ergebnisse für unseren Gedan-kenzusammenhang.
In seiner Abhandlung über Auffassung und Analyse des Men-schen im 15. und 16. Jahrhundert geht Wilhelm Dilthey von derHerrschaft der Metaphysik über den europäischen Geist aus, die ver-möge ihrer Verbindung mit der Theologie bis ins 14. Jahrhundert involler Stärke gedauert hat. Diese Metaphysik-Theologie war dieSeele der kirchlichen Herrschaftsordnung, und Dilthey findet in ihrdrei Motive zu einem symphonischen Ganzen vereinigt, das durch dieJahrhunderte des Mittelalters in immer neuen polyphonen Verwe-bungen weiterklingt. Es liegt nahe, was eine Untersuchung hierüberuns bedeuten kann, und noch mehr muß der Zusammenhang mitunserem Problem zutage treten, wenn wir die drei Motive kennenlernen, die nach Dilthey in der „Seele der kirchlichen Herrschafts-ordnung“ miteinander verwoben sind.
Das religiöse Motiv wird vorangestellt. Es herrschte in allermenschlichen Metaphysik auf den älteren Entwicklungsstufen allerVölker, und es ist in der ganzen Kultur der östlichen Völker bis zuderen Reife und Verfall dominierend geblieben. In seiner höchstenGestalt, dem Christentum, hat es die ganze weitere europäische Meta-physik bedingt. Sein Kern ist das im Gemüt erfaßte Verhältniszwischen der Menschenseele und dem lebendigen Gott, vor allem dietröstliche Hoffnung, daß er die Seele erretten wird. Dies bleibt aufallen Stufen der Religion bis zum Christentum ihr mächtigstes In-teresse. Das schlichte Zutrauen, nach welchem die gedrücktesteSeele ihr unsicheres Leben behütet und das einfachste Herz sich dasHerz Gottes geöffnet weiß, spricht sich im Symbol vom Vater undKind vollkommen aus, da in diesem unergründlich reichen Verhältnisalle Tiefen des Menschengemüts beschlossen sind.