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Kant als Philosoph der modernen Kultur : ein geschichtsphilosophischer Versuch
Entstehung
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EINLEITUNG

Wer einen Denker in seiner Bedeutung für die Philosophie ver-stehen und würdigen will, muß nach dem überzeitlichen oder ewigenWahrheitsgehalt fragen, der in seinen Werken zum Ausdruck kommt.Denn die Philosophie hat wie jede Wissenschaft ihren Sinn darin,festzustellen, was theoretisch für alle Zeiten, also zeitlos gilt. Mankann geradezu sagen: die zeitlich lebenden Menschen und ihre durchdie geschichtliche Kultur bedingten Werke gehören nur insofern zurWissenschaft, als sie über die Zeit und Kultur, aus der sie stammen,hinaus und ins Ewige hineinragen. Mit Recht stellt daher EugenKühnemann sein umfassend angelegtes Werk über Kant in denDienst der Aufgabe,den Ewigkeitsgedanken Kants von der Zufäl-ligkeit seiner Schulformen soviel wie möglich zu lösen und ihn inseiner Reinheit zusammenhängend auszusprechen.

Wer in solchen Worten unter dem Einfluß weit verbreiteter Mode-strömungen eine Ueberspannung findet, hat noch nicht begriffen,was Philosophie als Wissenschaft ist. Gewiß lebt der theo-retische Mensch als psycho-physische Realität in der Sinnenwelt undnimmt deren zeitlich ablaufende, körperliche oder seelische Bestand-teile durchäußere oderinnere Wahrnehmung in sich auf. Aberdamit ist sein Wesen nicht beschlossen. Er hat außerdem die Fähig-keit, unsinnliche Gebilde, die als Wahrheiten zeitlos gelten, zuver-stehen, und nur soweit er auch in einerintelligibeln, d. h. ver-stehbaren Welt des theoretischen Sinneslebt, ist er ein theoreti-scher Mensch. Seine Bedeutung für die wirkliche Wissenschafthängt dann davon ab, wie weit es ihm gelingt, unsinnliche, zeitlosgültige Wahrheiten in der Sinnenwelt so zum Ausdruck zu bringen,daß andere sinnliche und zeitliche Menschen sie ebenfalls als zeitlos

Bickert, Kant. 1