präsentiert werden, hinaus zu einer höheren Einheit zu gelangen, unddas erreichte er auch dadurch, daß er zeigte, die theoretische Ver-nunft kommt, sobald sie ihre Begriffe ganz zu Ende denkt, nichtohne praktische Bestandteile aus. Infolgedessen liegt die letzteWur-zel sowohl des theoretischen als des praktisch vernünftigen Lebens ineiner Sphäre, die einerseits beiden übergeordnet ist, und die anderer-seits trotzdem inhaltlich so bestimmt werden muß, daß sie zumPraktischen im weitesten Sinne des Worts gehört. Damit erhält diepraktische Vernunft auch in der Wissenschaft den Primat, und wirhaben daher das theoretische Becht.die theoretische Vernunft ihrunterzuordnen, ohne sie damit irgendwie in ihrer Eigenbedeutungund in ihrem Eigenwert zu beeinträchtigen. Ja erst die in ein rich-tiges Verhältnis zur praktischen Vernunft gesetzte theoretische Ver-nunft kann sich in ihrer Eigenart voll entfalten. Insofern geht dieAbsicht Kants zweifellos in einer Richtung, die dem Vorwurf derParteilichkeit nicht ausgesetzt ist, und formal hat demnach auchschon Kant eine Einheit erreicht, wie eine Philosophie der modernenKultur sie braucht. Mit Rücksicht hierauf dürfen wir daher sagen,daß Fichte nur Kants Gedanken zu Ende dachte, wenn er ausdrück-lich den religiösen Glauben dem theoretischen Wissen in der an-gegebenen Weise überordnete. Von irgendeiner Herabsetzung dertheoretischen Vernunft kann dabei keine Rede sein. Ihre Autonomiebleibt bei Kant und Fichte der Religion gegenüber voll erhalten.
Trotzdem muß man fragen, ob Kants Absicht, das Prinzip derParteilosigkeit zu wahren, von ihm auch mit Rücksicht auf die To-talität der Kultur durchgeführt ist. Der Zweifel darf sich nicht etwadarauf stützen, daß der letzte Einheitspunkt in der Religion, also ineinem besonderen Gebiet liegt, denn in diesem Gebiet muß man dieletzte Entscheidung auf jeden Fall suchen. Der religiöse Wert verträgt seinem Wesen nach eine bloße Nebenordnung mit den übrigenKulturwerten nicht, und wenn eine Einheit des Kulturlebens durcheine Theorie, welche auch die Religion verstehen will, überhaupt ge-funden werden soll, muß sie daher im religiösen Wertgebiet liegen.Damit aber ist noch nicht gesagt, daß Kant seine Religionsphilo-sophie nun auch inhaltlich so ausgestaltet hat, daß sie sichdazu eignet, den Gesichtspunkt für die Einheit der gesamten Philo-sophie der Kultur zu geben. Warum sie unzureichend ist, wissen