ACHTES KAPITEL
DIE SYNTHESE DES MITTELALTERSUND IHRE AUFLÖSUNG
Nachdem wir festgestellt haben, was griechisch-wissenschaftlicherIntellektualismus, römisch-politischer Rationalismus und christlich-religiöser Irrationalismus in ihrer Besonderheit und Abgegrenztheitbedeuten, fassen wir jetzt den Verlauf der europäischen Kultur unterdem Gesichtspunkt ins Auge, daß wir fragen, auf welche Weise sichin ihm die drei Faktoren miteinander vereinigen. Daß es dabei ohneschwere Konflikte nicht abgeht, ist selbstverständlich, und die erstenJahrhunderte der christlichen Zeit zeigen davon genug. Zunächstkommt weniger das Verhältnis von Griechentum und Römertum alsdas von christlicher Religion und griechischer Wissenschaft einer-seits, von derselben Religion und römischem Staatsleben anderer-seits in Betracht. Der Antagonismus ist in beiden Fällen kurz zuvergegenwärtigen, bevor wir von der Synthese reden, die sich imMittelalter vollzog, um dann endlich deren Wiederauflösung zu ver-stehen, mit welcher die Neuzeit beginnt.
Das Mittelalter behandeln wir nicht um seiner selbst willen, son-dern nur insofern, als sein „Geist“ von Renaissance und Reforma-tion bekämpft wird. Diese Kämpfe bedeuten den Anfang der mo-dernen Kultur: der wissenschaftliche, der politische und der reli-giöse Mensch verlangen Selbständigkeit bei der Pflege dessen, wasihnen am Herzen liegt, und das moderne Kulturbewußtsein ist dem-entsprechend dadurch charakterisiert, daß es eine Besonderung derverschiedenen Kulturgebiete und damit eine Differenzierung dereinen Gesamtkultur anstrebt. Genauer: die Eigenwerte der Wissen-schaft, des Staats und der Religion, die dem modernen Menschendurch die mittelalterliche Kirche in irgendeiner Weise angetastet zusein scheinen, sollen wieder zu ihrem uneingeschränkten Rechtekommen. Die daraus sich ergebende Auflösung und Zerteilung derKultur des Mittelalters gibt den leitenden Gesichtspunkt für die fol-gende Darstellung, und nur von hier aus läßt sie sich rechtfertigen.Wir fassen uns dabei kürzer als bisher und können es ohne Beden-ken. Das Eigenwesen der verschiedenen Kulturfaktoren ist uns be-