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Möglichkeit, Gegensätze zu überbrücken und das menschliche Lebentrotz der Verschiedenheit seiner Aeußerungen als ein einheitlichesGanzes zu verstehen. Allerdings gilt das mit Rücksicht auf dieTotalität der Kultur zunächst nur in formaler Hinsicht, d. h. wirmüssen, um das Problem ganz allgemein zu stellen, von den inhalt-lichen Bestimmungen der verschiedenen Gebiete, insbesondere desreligiösen, dabei absehen. Aber das ändert am Prinzip nichts.
Wenden wir uns nun wieder Kant selber zu, so kommt aus seinerPhilosophie selbstverständlich vor allem das in Betracht, was erseine Lehre vom „Primat der praktischen Vernunft“ genannt hat.Sofort ist klar: deren Gedanken stehen nicht nur im äußerstenGegensetz zum Intellektualismus, sondern geben auch als Syntheseetwas ganz Neues, wenn wir sie mit den früheren Arten der Ver-einheitlichung vergleichen. Sie beschränken sich jedoch auf ein spe-zielles Problem, und daher können wir bei diesem Ergebnis nichtstehen bleiben. Es muß gefragt werden, ob das Prinzip, das ihnenzugrunde liegt, sich so erweitern läßt, daß es zur Vereinheitlichungeiner umfassenden Philosophie der gesamten modernen Kultur zubenutzen ist, und im besonderen haben wir erst noch zu entscheiden,ob Kant in Wahrheit jede Art von Parteilichkeit vermeidet, d. h.ob er nicht schließlich doch ein Kulturgebiet in wissenschaftlich un-gerechtfertigter Weise den übrigen vorzieht und erst dadurch diegesuchte Einheit zustande bringt.
Beide Fragen hängen aufs engste miteinander zusammen. DieEinheit, die für eine Philosophie der Kultur wichtig wird, mußauf jeden Fall im religiösen Gebiet liegen, denn dieses verträgteine Unterordnung unter ein anderes Gebiet in keiner Weise.Der Religion gebührt stets der Primat. Ist trotzdem eineKulturphilosophie möglich, die das religiöse Gebiet nicht auf Kostender übrigen bevorzugt? Behält das ganze Kulturleben auch derReligion gegenüber seine Autonomie? Darauf kommt alles an.
Die Antwort ist mit Rücksicht auf die Kantische Philosophie nichteinfach. Wir trennen, um zur letzten Klarheit zu kommen, in derLehre vom Primat der praktischen Vernunft zwei Tendenzen von-einander. Auch hier ist Kants Größe durch seine Grenze bestimmt.
Zweifellos bestand bei Kant die Absicht, über die Parteien, die indiesem Fall durch die theoretische und die praktische Vernunft re-
Rickert, Kant. 14