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Kant als Philosoph der modernen Kultur : ein geschichtsphilosophischer Versuch
Entstehung
Seite
206
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daß, wenn pflichtmäßiges Verhalten möglich sein soll, es ein ab-solutes Kriterium der Richtigkeit unserer Ueberzeugung über diePflicht geben muß. Er folgert demnach aus dem Vorhandensein desSittengesetzes etwas im Erkenntnisvermögen und behauptet eineBeziehung des Sittengesetzes auf die theoretische Vernunft. DasSittengesetz ist zwar gewiß kein Erkenntnisvermögen, und es kannseinem Wesen nach die Ueberzeugung nicht durch sich selbst auf-stellen. Diese muß vielmehr durch das Erkenntnisvermögen ge-funden und bestimmt sein. Aber dann erst autorisiert das Sitten-gesetz die Ueberzeugung. Die theoretischen Vermögen gehen ihrenGang fort, bis sie auf dasjenige stoßen, was gebilligt werden kann.Nur enthalten sie nicht in sich selbst das Kriterium seiner Richtig-keit, sondern dieses liegt im Praktischen, und das ist das Erste undHöchste im Menschen und sein wahres Wesen. Das gesuchte ab-solute Kriterium der Richtigkeit unserer Ueberzeugung ist ein Ge-fühl der Wahrheit und Gewißheit. Ob ich zweifle oder gewiß bin,habe ich nicht durch Argumentation, sondern durch unmittelbaresGefühl. Nur inwiefern ich ein moralisches Wesen bin, ist Gewißheitfür mich möglich, denn das Kriterium aller theoretischen Wahrheitist nicht selbst wieder ein theoretisches, sondern ein praktisches, beiwelchem zu beruhen Pflicht ist. Und zwar ist jenes Kriterium einallgemeines, das nicht nur für die unmittelbare Erkenntnis unsererPflicht, sondern überhaupt für jede mögliche Erkenntnis gilt. Dieeinzige feste und letzte Grundlage aller meiner Erkenntnis ist meinePflicht. Zwar das Gewissen gibt nicht das Materiale her, denn dieseswird allein durch die Urteilskraft geliefert, und das Gewissen istkeine Urteilskraft. Aber die Evidenz gibt es her, und diese Art derEvidenz findet lediglich beim Bewußtsein der Pflicht statt.

Was Fichte hier sagen will, ist klar, und es leuchtet auch ein, wes-halb es für unser Problem einer letzten Einheit der verschiedenenWertgebiete prinzipielle Bedeutung hat. Besonders verstehen wirleicht, wie sich hier die Möglichkeit ergibt, theoretische und prak-tische Vernunft miteinander zu verbinden und trotzdem keine vonbeiden gegenüber der anderen herabzusetzen. Auf unserem Pflicht-bewußtsein beruht nach Fichte nicht nur unser sittliches Leben,sondern in letzter Hinsicht auch die Wissenschaft. Das Erkenntnis-vermögen gibt uns für sie lediglich den Stoff. Die Ueberzeugung von