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Kant als Philosoph der modernen Kultur : ein geschichtsphilosophischer Versuch
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zustande bringen, und den Versuch dazu wird sie um so wenigerunternehmen, je besser sie das Irrationale im ursprünglichen Chri-stentum verstanden hat. Ja die Einschränkung muß in bezug aufdas, was Kant faktisch geleistet hat, noch weiter gehen. Lediglichdas Prinzip für ein philosophisches Verständnis der christlichenReligion ist durch seine Ueberwindung des Intellektualismus gege-ben. Ausgeführt findet sich eine Philosophie des Christentums beiKant noch nicht. Er sieht, wie schon hervorgehoben wurde, das reli-giöse Leben von vornherein unter dem Gesichtspunkt seiner Moral-philosophie, und das ist nicht nur deswegen bedenklich, weil dadurchein einseitiger Moralismus als Weltanschauung entsteh^ sondernauch deswegen, weil das Prinzip der Kantischen Ethik einen in demangegebenen Sinne einseitig rationalistischen Charakter zeigt. Sobleibt zwar die Selbständigkeit des Glaubens gegenüber dem theore-tischen Wissen gewahrt, aber falls unsere Auffassung des ursprüng-lichen Christentums zutrifft, sind wesentliche Bestandteile des Evan-geliums bei Kant nicht gewürdigt.

Man darf sich aus diesem Grunde nicht darüber wundern, daß vonchristlich religiöser Seite Kants Religionsphilosophie nicht nur alseinseitig, sondern auch im Prinzip als ungenügend angesehen wordenist. Die Bezeichnung Kants als eines Philosophen des Protestantis-mus mußte in der Tat Widerspruch erregen. Wir sollten uns darübernicht täuschen: gerade das Christentum Luthers kommt bei Kantnoch nicht zu seinem Recht, und das bedeutet nicht etwa, daß Kanteine konfessionelle Philosophie nicht geben wollte, was gewiß keinMangel ist, sondern daß es Kant an Verständnis für d i e Seitendes Protestantismus fehlte, welche diese Konfession mit demIrrationalen im Christentum verbinden. Insbesondere fälltLuthersFreiheit eines Christenmenschen nicht mit der morali-schen Freiheit Kants zusammen, denn Luthers religiöse Person istnicht Kants moralische Person. Gemeinsam in beiden bleibt aller-dings das Vorwiegen derGesinnung gegenüber dem äußerenWerk oder demErfolg, und man darf daher sagen, daß in beidendie Autonomie grundlegend ist. Aber der autonome MenschLuthers gehorcht freiwillig Gott, der autonome Mensch Kantsgehorcht freiwillig der Pflicht, und das ist auf keinen Fall das-selbe.