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von wahr und falsch, d. h. ohne Rücksicht auf ein theoretischesWissen in seiner atheoretischen Eigenart begrifflich, also theoretischbestimmt werden muß. Ja erst nachdem das geschehen ist, kannüberhaupt die Frage eindeutig formuliert werden, wie weit das reli-giöse Gebiet sich den anderen Gebieten nebenordnen läßt. So bleibtes unter allen Umständen dabei, daß durch Kants Ueberwindung desIntellektualismus, welche das in der griechischen Weltanschauungbestehende Band zwischen Wissen und Glauben radikal durchschnitt,zum erstenmal die Möglichkeit einer Religionsphilosophie gegebenist, die auch einen Glauben wie den des ursprünglichen Christen-tums theoretisch begreift, ohne seinen Gehalt theoretisch umzudeu-ten und dadurch in seinem Eigenwesen zu verfälschen.
Mit Rücksicht hierauf können wir Max Scheler zustimmen, wenner meint, es sei das ganz Eigenartige der Leistung Kants, „daß erzuerst von allen Denkern, die nach Jesus gelebt haben, eine innereAusgleichung der evangelischen Grundideen und Lebensfermentemit dem Faktum der modernen Erforschung der Natur hergestellthat“. Ja, vielleicht sagt das noch zu wenig, denn der Ausgleich mitder modernen Naturwissenschaft ist nicht der einzige Punkt, der inBetracht kommt. Doch sehen wir davon ab. Wesentlich bleibt, wasScheler hinzufügt: „Lange vor Kant gab es eine christliche Lebens-führung; erst seit Kant gibt es eine „christliche Philosophie“, nichtim Sinn eines konfessionell gebundenen Denkens, sondern im Sinneiner der Grundidee des Christentums adäquaten Weltauffassung“ J ).
So ist es in der Tat, und nur die Einschränkung müssen wir ma-chen : es gibt seit Kant eine Philosophie, die Raum für eine positiveWürdigung des Christentums hat, d. h. die grundsätzlich imstandeist, die Eigenbedeutung und den Eigenwert der christlichen Religiontheoretisch zu verstehen. Eine „christliche Lehre“ dagegen, die zu-gleich Religion sein soll, kann die Philosophie als Wissenschaft nie
1) Wer an Max Schelers neuere Schriften denkt, wird überrascht sein, ihn alsVerfasser solcher Sätze kennen zu lernen. Sie sind vor zwanzig Jahren geschrie-ben und bei Gelegenheit des hundertjährigen Todestages Kants in der Beilagezur Münchner Allgemeinen Zeitung gedruckt. Damals stand Scheler noch unterdem Einfluß von Rudolf Eucken und war ein theoretischer Mensch, der sich be-mühte, auch in Fragen der Religion die Dinge zu sehen, wie sie sind. Jetzt neigter leider dazu, seinen reichen, aber immer etwas flackernden Intellekt dauerndzu „opfern“. Dabei kann er wohl zu einer unbefangenen wissenschaftlichen Auf-fassung religionsphilosophischer Angelegenheiten nicht mehr kommen.