deutung des Worts, und auch für wahrscheinlich darf man es nichtin dem Sinn halten, wie der Mann der Wissenschaft dies Wort ver-steht. Man hat aber andererseits ebensowenig Grund, das religiösGeglaubte „unwahr“ zu nennen, falls man mit diesem Ausdruckirgendein negatives Wertprädikat verbindet, denn unwahr ist derGehalt des religiösen Glaubens nur insofern, als er theoretisch indif-ferent bleibt wie das sittlich Gute oder das ästhetisch Schöne. Wirbewegen uns auf allen atheoretischenGebieten jenseits von wahr undunwahr, deutlicher: von wahr und falsch, und man wird die Eigen-art des religiösen Lebens erst dann verstehen, wenn man in der Reli-gionsphilosophie die Alternative: wahr oder falsch, ebenso behandeltwie in der Ethik oder in der Aesthetik. Auch das Schöne und Sittlichekann höchstens insofern „unwahr“ genannt werden, als es theoretischindifferent ist, und es hat keinen Sinn, von ihm zu sagen, es sei des-wegen falsch, d. h. theoretisch wertfeindlich. Mit einer solchen Un-terscheidung muß man auch die Religionsphilosophie beginnen undstets an ihr festhalten. Das aber hat Kant, sobald man auf den„Geist“ seiner Religionsphilosophie achtet, getan, und insoferngehört er daher ebenfalls zu den Philosophen der modernen Kultur indem angegebenen Sinn.
Um Mißverständnissen vorzubeugen sei jedoch ausdrücklich nochhinzugefügt, daß eine Parallelisierung der verschiedenen atheoreti-schen Wertgebiete und ihre Trennung von allen theoretischen Wert-gegensätzen sich in der Religionsphilosophie vielleicht nicht in jederHinsicht durchführen läßt. Es ist möglich, daß nachdem die Theo-rie des religiösen Lebens den Eigenwert und die Eigenbedeutung desreligiösen Gebiets in seinem atheoretischen Wesen bestimmt hat, sievon neuem nach dem Verhältnis von Glauben und Wissen fragenund untersuchen muß, ob es hier bei einer so vollständigen Trennungsein Bewenden haben kann, wie sie zwischen demWissen des Wahreneinerseits und dem Wollen des Guten oder dem Schauen des Schönenandererseits zu Recht besteht. Eventuell zeigt sich dann, daß dasWesen des religiösen Glaubens eine bloße Nebenordnung,wie sie zuerst im Interesse der Differenzierung notwendig war, beider endgültigen Gestaltung der Religionsphilosophie nicht verträgt.
Aber das würde nicht das Geringste daran ändern, daß zunächsteinmal der religiöse Glaube ohne jede Rücksich tauf die Alternative