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Die Annahme, daß die religiöse „Wahrheit“ paradox sei, bleibt durchund durch intellektualistisch. Wir bemerkten schon: Paradoxie oderAbsurdität oder Widerspruch sind logische Kategorien wie Identi-tät oder theoretische Uebereinstimmung im Sinne der Wahrscheinlich-keit des Geglaubten. Der Umstand, daß der Intellektualismus beiTertullian und seinen Nachfolgern bis auf Kierkegaard ein negativesVorzeichen erhält, und daß man den höchsten Wert dann in demfindet, was dem Intellekt widerspricht, hebt das intellektualistischeGrundprinzip nicht auf. Ein philosophisches Verständnis der Reli-gion in ihrem Eigenwert und in ihrer Eigenbedeutung bleibt, fallsdie Religion dem ursprünglichen Christentum gleicht, auf diesem Bo-den nicht weniger unmöglich als auf dem des positiven Intellek-tualismus und des Wahrscheinlichkeitsprinzips der religiösen Ge-wißheit, denn die Versetzung des religiösen Wertes ins Antilogischebedeutet eine intellektualistische Verfälschung des irrationalen Ge-haltes ebenso wie die Auflösung des Glaubens in positives theoreti-sches Wissen oder in theoretisch wahrscheinliche Meinung.
Man muß nach einem neuen Standpunkt suchen, um der Re-ligion in ihrer Stellung zum modernen Kulturleben gerecht zu wer-den. Die Religionsphilosophie hat ihre Aufgabe, als Theorie die ver-schiedenen Wertgebiete in ihrer Eigenart zu verstehen, weder erfüllt,wenn sie positiv intellektualistisch den Inhalt einer Religion der ge-wissen oder wahrscheinlichen Erkenntnis gleichsetzt, noch wenn sienegativ intellektualistisch das Geglaubte für das erklärt, was der Er-kenntnis widerspricht. In beiden Fällen ist der positive Eigenwertdes Religiösen verschwunden, und der negative Intellektualismusbleibt überdies mit Rücksicht auf das umfassende System der Philoso-phie dem positiven Intellektualismus gegenüber dadurch im Nach-teil, daß er Gefahr läuft, nicht allein den religiösen Wert negativintellektualistisch umzudeuten, sondern zugleich den theoretischen.Wahrheitswert in seiner Eigenart anzutasten.
Diese systematischen Ueberlegungen waren notwendig, um dieBedeutung zu erkennen, welche schon die allgemeinsten Grundlagender Kantischen Philosophie für ein theoretisches Verständnis desreligiösen Glaubens besitzen. Wer religiös im Sinne des ursprüng-lichen Christentums ist und auf das Verhältnis seines Glaubens zumWissen überhaupt reflektiert, kann den Inhalt des Geglaubten nicht