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Kant als Philosoph der modernen Kultur : ein geschichtsphilosophischer Versuch
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Doch auch das ist noch nicht alles. Die Prinzipien, die Kant in derKritik der Urteilskraft für die Behandlung des Irrationalen gefun-den hat, sind nicht nur für die Aesthetik und die Wissenschaftslehre,für die sie von ihm selbst benutzt wurden, bedeutsam, sondern rei-chen weit darüber hinaus. Dabei denken wir besonders wieder anseine Lehre vom Genie. Sie enthält Gedanken, mit denen die Be-deutung der irrationalen Individualität der Persönlichkeit über-haupt theoretisch zu verstehen ist. In der Kritik der praktischenVernunft sucht man danach noch vergebens. Die individuelle Per-son: spielt in Kants rationalistischer Ethik nur in eingeschränktemSinn eine Rolle. Es muß zwar stets eine Persönlichkeit sein, aufwelche das Wertprädikat der Sittlichkeit angewendet wird, da ver-einzelte Handlungen noch nicht sittlich genannt werden können,aber dabei handelt es sich nur um Persönlichkeiten überhaupt, nochnicht um die Person, insofern sie etwas durch ihre Einmaligkeitoriginelles und im Kantischen Sinneexemplarisches ist. Alssolche entzieht sie sich jeder Unterordnung unter allgemeine Be-griffe und bleibt, wie wir das schon beim ursprünglichen Christentumerörterten, etwas Unsagbares.

Freilich kommt der Begriff der einmaligen, unersetzbaren Indivi-dualität n u r in Kants Aesthetik zu seinem Recht und spielt in anderenTeilen des Systems noch nicht die Rolle, die er der Sache nachspielen sollte. Aber um so mehr ist zu betonen, daß auch hier dasKantische Denken nur in Hinsicht seiner Anwendung auf Teilgebieteunmodern, d. h. nicht vielseitig und differenziert genug genannt wer-den darf, und daß man diese Schranken überwindet, sobald man diein der Aesthetik bei der Betrachtung des Genies entwickelten Be-griffe noch allgemeiner faßt. Dann läßt sich daraus etwas machen,das einer im besten Sinne des Worts modernen Philosophie der Kul-tur grundsätzlich genügt. Es gibt, so können wir dann mit Kanti-schen Begriffen sagen, obwohl Kant es entschieden bestritten hätte,nicht nur in der Kunst, sondern auch auf anderen Gebieten der Kul-turGenies, welche als Individuen dem Leben überindividuelleRegeln geben, ohne daß diese Regeln sich in allgemeinen Begriffenausdrücken, also rationalisieren lassen, Persönlichkeiten, die imKantischen Sinn exemplarisch sind, d. h. durch ihre einmalige In-dividualität Bedeutung für alle gewinnen. Hat man das begriffen,