Wahren als des ethischen und des theoretischen Wertes andererseitsabgegrenzt wird, kann als besonders charakteristisch für eine Philo-sophie bezeichnet werden, deren Inhalt dem Wesen der modernenKultur mit ihrer Differenziertheit und ihrer Vielseitigkeit des Wert-bewußtseins entspricht. In der Kritik der ästhetischen Urteilskraftfeiert der Kritizismus als Scheidekunst seine höchsten Triumphe,und so viel Ansätze auch bereits in der Philosophie des 18. Jahr-hunderts zu finden sein mögen, die Vorarbeiten für Kant bedeuten,und so entschieden man längst gefühlt hatte, daß die Auf-klärungsästhetik vom Eigenwesen der Kunst nicht viel zu begreifenvermochte, so kam es doch bei Kant zum erstenmal zu voller begriff-licher Klarheit, und das ist für eine wissenschaftliche Philosophie derKultur das entscheidende Moment. Mit dem bloßen Gefühl war hierwie überall in der Wissenschaft noch nichts getan.
Von hier aus begreift man auch einen großen Teil der WirkungKants auf seine Zeitgenossen. Gerade die besten und besonnenstenmußten seine Philosophie der Kunst gegenüber der einseitigen ver-standesmäßigen Aufklärung einerseits, ebenso wie gegenüber demnicht minder einseitigen Antirationalismus des stürmenden unddrängenden Gefühls andererseits, wie eine Erlösung empfinden. Eswäre leicht, hier die Beispiele zu häufen. Doch wir brauchen nurdaran zu denken, wie es Schiller mit den Begriffen Kants gelang, eineso eminent moderne Erscheinung wie Goethe theoretisch zu ver-stehen. Dann werden wir nicht mehr daran zweifeln, wie weit Kantüber alle Philosophie der Kunst, die das 18. Jahrhundert hervorge-bracht hat, gerade mit Bücksicht auf das Irrationalitätsproblemhinausgegangen ist.
Wir begreifen dann auch, weshalb dies Werk selbst solche Männerin seinen Bann zog, die wie Goethe sich vorher gegenüber der Kanti-schen Philosophie ziemlich ablehnend verhalten hatten. Von der Be-deutung, welche Kants begriffliche Scheidungen auf ästhetischemGebiet für die ganze Bomantik und für andere spezifisch moderneBewegungen besaß, braucht nicht gesprochen zu werden. Daraufallein kommt es an: es gelang Kant, ein völlig irrationales Gebietwie die Kunst in streng wissenschaftlicher Weise begrifflich zu um-grenzen und das auf einen rationalen oderlogischen Ausdruck zu brin-gen, was aller Ratio und Logik so fern liegt wie möglich. Moderner