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liehen Lebens ins Auge, um für sie die Prinzipien festzustellen, dieihren eigenartigen Sinn konstituieren. Ein Ausgleich aller seinerverschiedenen Denkmotive gelang ihm nicht vollständig, und dasversteht man leicht. Er war ein alter Mann geworden, als er in derKritik der Urteilskraft ganz neue Entdeckungen machte, ja einephilosophische Disziplin schuf, die er noch in der Kritik der reinenVernunft für unmöglich gehalten hatte. Dann aber kam er nichtmehr dazu, das Ganze seines Systems noch eimal von dem zuletzterreichten Standpunkt durchzuarbeiten und den neu gefundenen Be-griffen eine sozusagen rückwirkende Kraft zu geben. Das zu leugnen,wird niemandem einfallen.
Aber diese biographische Tatsache darf bei einer Beurteilung dergrundsätzlichen Bedeutung des Kritizismus für eine Philosophie dermodernen Kultur nicht den Ausschlag geben. Nicht der geschicht-liche und insofern philosophisch „zufällige“ Kant kommt dabei inBetracht, sondern der Geist, besser der tiefste Sinn seines kritischen,d. h. scheidenden und Grenzen ziehenden Denkens, und je unvoll-kommener dieser Geist in Kants Werken selber, so wie sie als ge-schichtliche Dokumente vorliegen, schon das Ganze durchdrungenhat, um so notwendiger ist es, daß wir heute die Bestandteile hervor-heben, deren konsequente Durchführung zu einer Umgestaltung vonEinzelheiten im Sinn einer Philosophie der modernen Kultur führenmüßte. Gerade darauf ist zu achten, wo es gilt, zu zeigen, inwiefernbei Kant das moderne Kulturbewußtsein grundsätzlich einen philo-sophischen Ausdruck gefunden hat, und dabei wird die Kritik der Ur-teilskraft von entscheidender Bedeutung zunächst durch das, wasausdrücklich in ihr steht, und sodann durch das, was implizite in ihrenthalten ist und nur weiter ausgestaltet zu werden braucht, um überdie in diesem Werk behandelten Gebiete auf andere Teile einer Philo-sophie der modernen Kultur hinüberzugreifen.
In beiden Hinsichten haben wir uns den Gehalt der Kritik der Ur-teilskraft, soweit er für eine Behandlung des Irrationalitätsproblemswichtig ist, jetzt zu vergegenwärtigen.
Wir stellen dabei Kants Philosophie der Kunst voran. Die Art,wie in ihr der Begriff des Schönen in seiner Eigenbedeutung alsatheoretischer Wert herausgearbeitet und gegen die Begriffe des An-genehmen als des hedonischen Wertes einerseits, des Guten und des