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Kant als Philosoph der modernen Kultur : ein geschichtsphilosophischer Versuch
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scheidende Bedeutung. In seinem Zentrum stehen Gebiete desmenschlichen Lebens, die nicht allein der Intellektualisierung,sondern auch jeder Rationalisierung entzogen sind, und für sie zeigtKant volles Verständnis. Ja hier hebt er selbst die irrationalen Mo-mente mit einem Nachdruck und einer begrifflichen Schärfe hervor,wie kein streng wissenschaftlicher Philosoph es grundsätzlicher hättetun können. Insofern ist die Kritik der Urteilskraft das modernsteder Kantischen Hauptwerke, wenn wir den Ausdruckmodern aufdie Differenziertheit der Kultur und die mannigfaltige Bedeutungder verschiedenen Gebiete in ihrer Selbständigkeit beziehen. Wer-den in diesem Buche doch sogar solche Faktoren behandelt, dieinnerhalb der rein theoretischen Naturwissenschaft sich als irratio-nal geltend machen und dort nicht zu beseitigen sind. Damit ist dasProblem des Irrationalen so grundsätzlich wie möglich gestellt.

Wir verstehen, daß überall dort, wo der Kantianismus zum ein-seitigen Rationalismus neigte und daß das vorgekommen ist,wird niemand leugnen man mit der Kritik der Urteilskraft bei derBehandlung der letzten philosophischen Prinzipienfragen nichtsRechtes anzufangen wußte. Doch ist das nicht die Schuld Kants,sondern liegt an den Kantianern, welche seine Philosophie nicht inihrer Totalität nahmen. Deshalb müssen wir sagen: wer, wie dasheute beliebt ist, gegen Kant den Vorwurf des einseitigen Rationalis-mus ohne Einschränkung erhebt, hat entweder, auch abgesehen da-von, ob er Intellektualismus und ethischen Rationalismus mitein-ander verwechselt, von dem Inhalt der dritten Kritik keine Ahnung,oder er ignoriert sie im Kampf gegen den Kantianismus absichtlich,weil ihre Berücksichtigung sofort zeigen würde, wie grundfalsch diegenerelle Charakterisierung der Prinzipien des KantischenDenkens als rationalistisch ist.

Selbstverständlich soll damit nicht geleugnet werden, daß dasganze System Kants, wie es in der Einleitung zur Kritik der Urteils-kraft von ihm selbst entwickelt wurde, faktisch in den Teilen, dieKant schon vorher ausgeführt oder durchdacht hatte, ehe er diedritte Kritik schrieb, also in der Wissenschaftslehre, in der Ethikund auch in der Religionsphilosophie, noch nicht vollständig mit denErgebnissen des letzten Werkes harmoniert. Kants Denken hat sichlangsam entwickelt, und erst spät faßte er einige Gebiete des mensch-