Druckschrift 
Kant als Philosoph der modernen Kultur : ein geschichtsphilosophischer Versuch
Entstehung
Seite
179
Einzelbild herunterladen
 

179

zwei Verhaltungsweisen, die ihrem Sinne nach so verschieden sind,wie den vom Pflichtbewußtsein vermittelst des Begriffs und den vonder Liebe völlig irrational bestimmten Willen, beide unter den einengemeinsamen Begriff desSittlichen zu bringen. Die Entscheidungdarüber, ob dies zweckmäßig sei, kann man für eine Angelegenheitder Terminologie halten. Es genügt hier, wenn wir sagen: der Vor-wurf, der sich gegen den ethischen Rationalismus Kants richtet, isteventuell nur insofern berechtigt, als er auf eine notwendige E r-g ä n z u n g der Kantischen Philosophie des tätigen Lebens durcheine neue Disziplin neben der Ethik hinweist. Er verliert da-gegen sein Recht, sobald er sich gegen das Grundprinzip von KantsMoralphilosophie in seiner Besonderheit richtet, denn man wird guttun, alsmoralisch immer nur die Gebiete des pflichtbewußtenHandelns zu bezeichnen und dann den Sinn der irrationalen Liebein einer neuen philosophischen Disziplin als Eigenwert zu behandeln.

Für uns ist etwas anderes entscheidend. Wir können zugeben, daßein Teil der Kantischen Philosophie einseitig moralistisch unddeshalb einseitig rationalistisch ausgefallen ist. Hat darum KantsDenken für das Irrationale und seine theoretische Würdigung über-haupt keinen Platz?

Das darf, sobald man das Ganze des Kritizismus berücksich-tigt, nicht gesagt werden, und damit ergibt sich: die Kantische Phi-losophie hört auch dann nicht auf, in ihrer Totalität einen spezifischmodernen Charakter zu tragen, falls ihre Ethik einseitig rationali-stisch sein sollte. Es genügt, um sie modern zu nennen, daß in demGanzen des Systems von Kant überhaupt Raum für ein Verständnisder irrationalen Kulturfaktoren geschaffen wurde und auch weitergeschaffen werden kann. Dann muß es möglich sein, den Kritizis-mus in den Teilen, in denen er einseitig rationalistisch geblieben ist,ergänzend umzubilden, ohne damit seinen Boden im Prinzip zu ver-lassen.

Stellen wir aber das Problem so, dann kann nicht zweifelhaft sein,wohin wir die Aufmerksamkeit zu lenken haben, um zur Klarheitzu kommen. Wir wiesen bereits darauf hin. Kant hat nicht nur dieKritik der reinen (theoretischen) Vernunft und die Kritik der prakti-schen Vernunft, sondern auch die Kritik der Urteilskraft geschrie-ben. Dies Werk bekommt in unserem Zusammenhang eine ent-

12 *

/