pliziertheit des modernen, differenzierten Kulturlebens nicht zu-rechtfinden, wenn er nicht nach „Maximen“ sucht, an denen erseinen Willen, zumal in Konfliktsfällen, planvoll überlegend, alsorational orientieren kann. Daher gehören rationale Faktoren not-wendig zu jeder Ethik grade des autonomen Wollens.
Vor allem aber ist nicht einzusehen, wie eine Politik im Sinne derRömer ohne Grundsätze, die rationalen Charakter tragen, sich ge-stalten soll. Der moderne Staat kann wie der römische nur einRechtsstaat sein, und das Recht nimmt notwendig rationale Formenan. Das allein dürfen wir daher von einer modernen Ethik und einermodernen Politik an irrationalen Bestandteilen verlangen, daß dieleitenden Grundwerte, in deren Dienst die Ratio steht, kein ratio-nales Gepräge zeigen, sondern selbständige Eigenwerte sind, und indieser Hinsicht bleibt Kants Ethik, so rationalistisch sie sich auchgestalten mag, durchaus modern. Insofern ist alles in Ordnung. Derpraktische Rationalismus, der den ethischen Grundwert nichtverdrängt, darf in einer Philosophie des modernen Kulturlebensnicht fehlen. Deshalb muß man sagen, daß Kant nicht trotz, son-dern wegen seines Rationalismus, der allem Intellektualismus imPrinzip fern liegt, ein Philosoph der spezifisch modernen Kulturgeworden ist.
Doch das betrifft allerdings nur die eine Seite der Sache. Mankann andererseits glauben, daß eine rein rationalistische Ethik,mag ihr Grundwert auch völlig atheoretisch sein und sie Platz füralles Römische in der modernen Kultur haben, trotzdem gerade dermodernen Sittlichkeit nur teilweise entspricht. Der wollende undhandelnde Mensch der Neuzeit ist nicht allein am Rechtsstaat undnicht allein an Grundsätzen wie dem der Gerechtigkeit, die ratio-nalen Charakter tragen, orientiert. Ja die Sittlichkeit läßt sichüberhaupt nicht restlos in allgemeine Grundsätze oder in rationalgeordnete Pflichtmäßigkeit des Willens auflösen. Das verengertihren Begriff für das moderne Bewußtsein in unzulässiger Weise.Wir können unter Umständen, auch ohne daß wir uns dem Pflicht-bewußtsein unterordnen, „frei“ von jedem Gehorsam gegen einSollen, eminent sittlich sein.
So mag man in der Tat sagen, und das bezieht sich dann eventuelldarauf, daß auch die christliche Religion, wie wir sie in ihrer Ur-
Kickert, Kant. 12