Druckschrift 
Kant als Philosoph der modernen Kultur : ein geschichtsphilosophischer Versuch
Entstehung
Seite
176
Einzelbild herunterladen
 

176

Rationalismus und Intellektualismus sind nach der früher ange-gebenen Terminologie zu scheiden, und es liegt auf der Hand, wiewesentlich für die Beurteilung der Kantischen Philosophie und ihrVerhältnis zur modernen Kultur diese Trennung ist. Oft wird gesagt,man müsse über Kant besonders in der Ethik endlich hinauskommen,weil in seiner Weltanschauung die Ratio eine zu große Rolle spieleund er mit seinem einseitig verständigen Denken dem modernen Le-ben nicht gerecht werde. Was ist darüber zu sagen? Es gibt inKants Ethik auch Bestandteile, die man intellektualistisch nennenmag, aber sie betreffen nicht die Grundlage. Die behält ihre atheo-retische Eigenart. Das geht schon daraus hervor, daß Kants zen-traler ethischer Wert sich notwendig an den Willen des Menschen,nicht an sein Denken wendet. Das wäre unmöglich, wenn er einentheoretischen Charakter trüge. Anders dagegen steht es mit der Be-hauptung, daß Kants Ethik rationalistisch sei. Das trifft, wenn wirdas Wort in der früher festgestellten Bedeutung nehmen, für ihreAusgestaltung durchaus zu. Aber es hindert uns dann nicht, ihrGrundprinzip trotzdem mit Rücksicht darauf fürmodern zu hal-ten, daß in ihr auch der Kulturgehalt seinen Platz finden kann, dendie Römer geschaffen haben, und den die moderne Welt bei ihremBeginn im Gegensatz zum Mittelalter wieder hersteilen wollte.Darüber brauchen wir vor allem Klarheit. Die üblichen Schlagwortereichen hier nicht aus. Was bedeutet Kants Rationalismus ?

Wir sahen, wie das, seinem letzten Sinne nach, von einem durch-aus atheoretischen Grundwert getragene politische Leben des Röm-mertums bei seiner Ausgestaltung im Rechtsstaat einen eminentrationalen Charakter erhielt, und wir konnten feststellen, daß es imSinn jeder imperativischen Gerechtigkeitsethik liegt, ein Systemvon Regeln für das Willensleben rational zu entwickeln. Doch wirwissen auch: der ethische Grundwert wird dadurch in seiner atheo-retischen Eigenbedeutung nicht angetastet, denn die praktische Ra-tio steht völlig in seinem Dienst, und schon deshalb darf der Satz,daß Kants Ethik rationalistisch sei, auch, ja gerade vom Stand-punkt des modernen Kulturbewußtseins nicht als ein Vorwurf oderein Einwand gelten. Der sittlich wollende Mensch, der atheoretischbestimmt nach seinem Gewissen handelt, muß stets auch wissen,was er soll und will, und er wird sich .besonders in der großen Kom-