terführen, daß auch der Begriff des Unerkennbaren jeden theoreti-schen Stachel verliert, und daß dann mit diesem Wort nur noch aufSphärenhingewiesen wird, denen gegenüber jeder Begriff desEr-kennens seinen Sinn verliert, so daß man von dem Absolutenals einem jetzt noch Unerkannten und daher in Zukunft zu Er-kennenden in keiner Weise mehr reden darf?
Man braucht, falls diese Frage zu bejahen sein sollte, nicht anzu-nehmen, daß Kant mit der Beschränkung der Erkenntnis auf dieSinnenwelt in Raum und Zeit das letzte Wort gesprochen hat.Vielleicht können wir Unsinnliches erkennen, das ebenso un-zeitlich wie unräumlich ist. Ja vielleicht läßt sich zeigen, daß ge-rade der Kritizismus eine Erkenntnis des Unsinnlichen voraussetztund einschließt. Dies Unsinnliche würde dann eventuell mit Rechtauch den Namen des Intelligiblen führen, weil es das Versteh-bare ist im Unterschied vom sinnlich Wahrnehmbaren, das un-verständlich bleibt. Eine Wissenschaft vom Intelligibeln in diesemSinne des Worts ist vielleicht sogar die eigentliche Aufgabe derPhilosophie. Es könnte ein unbegründetes Vorurteil sein, daß derunmittelbar gegebene Stoff, den wir kategorial formen, sinn-lich sein muß. Es gibt vielleicht unsinnliches Material und Formendes Erkennens, die dazu gehören, so daß einer Wissenschaft vommundus intelligibilis grade nach den kritischen Prinzipien des koper-nikantischen Standpunktes nichts im Wege steht. Das alles bleibtmöglich 1 ).
Fällt darum aber das erkennbare Intelligible notwendig mit dem„an sich“ der Welt oder dem Absoluten oder der Gottheit zusam-men? Das wäre eine unbegründete Behauptung. Läßt sich nichtvielmehr eventuell zeigen, daß, je mehr man den Bereich des Erken-nens erweitert, und je vollkommener man nicht nur alles Sensible,
1) Näher kann ich auf diese Fragen in einem Buch über Kant nicht eingehen.Zur Sache ist meine Abhandlung: Die Methode der Philosophie und das Un-mittelbare. Eine Problemstellung (Logos, XII, 1923, S. 235 ff.) zu vergleichen.Ich hoffe bald in anderem Zusammenhänge zeigen zu können, was ich unter einerErkenntnis der intelligiblen Welt verstehe, und inwiefern diese etwas prinzipiellanderes bedeutet als die von Kant in der Kritik der reinen Vernunft durch dieDialektik aufgelöste Metaphysik. Die Identifizierung des Unsinnlichen mit demUebersinnlichen und des Intelligibeln mit dem Absoluten mag durch die Tradi-tion zur selbstverständlichen Gewohnheit geworden sein, an der auch Kant nochfesthielt. Begründet ist sie darum nicht.