163
Trotzdem hat man auch, ja gerade vom theoretischen StandpunktKants Ueberwindung des Intellektualismus unbefriedigend gefun-den. Die Wissenschaft, sagt man, verträgt eine Begrenzung ihresGebietes überhaupt nicht. Sie ist ihrem Wesen nach schrankenlos.Von überschwänglichen Zielen des Erkennens zu reden, hat keinenSinn, denn die Theorie kann sich ihre Aufgabe niemals zu umfassendstellen. Sie will, ja sie darf nicht darauf verzichten, auch zum über-sinnlichen Wesen der Welt und der Gottheit erkennend vorzudrin-gen. Die Tendenz zum Unbedingten hat die Griechen groß ge-macht. Unerkennbares bleibt stets etwas noch Unerkanntes, und Un-erkanntes duldet die Philosophie als Wissenschaft vom Universumauf keinen Fall in ihrerWelt. Das Unerkannte bedeutet für sie immerein erst noch zu Erkennendes. Sie muß daher stets von neuem überKant hinausstreben und in einer Metaphysik des Absoluten denAbschluß suchen.
Ja man kann darauf hinweisen, daß Kant selber die von ihm ge-zogenen Grenzen nicht eingehalten hat. Er redet vom „an sich“ derWelt und weiß im Grunde genommen sehr gut, was er darunter undunter „Gott“ versteht. Dies Wissen aber kann nur auf einer Er-kenntnis beruhen, und so ist auch der Kritizismus von einer theoreti-schen Erfassung des Absoluten durchaus nicht frei. Es kommt nurdarauf an, die Ansätze zu einer neuen Metaphysik, die sich bei Kantfinden, weiter auszubilden. Sobald das gelingt, ist es mit der kriti-schen Beschränkung der Erkenntnis auf die Sinnenwelt wieder vor-bei, und wir befinden uns in der alten Situation des am Griechentumgeschulten Denkens.
Man mag zugeben, daß solche Sätze, soweit sie sich auf den ge-schichtlichen Kant beziehen, etwas Berechtigtes enthalten. Aberberuht ihr Becht nicht vielleicht darauf, daß Kant sein eigenes Prin-zip noch nicht radikal genug durchgeführt, daß er selbst noch zu vielVoraussetzungen des Intellektualismus in seine Philosophie über-nommen hat? Kommt nicht die angedeutete Argumentation, diedas Unerkennbare mit dem noch Unerkannten gleichsetzt, auf einepetitio principii hinaus? Ist nicht schon die Behauptung: wenn esim Wesen der Welt Unerkennbares gibt, so muß das ein noch Uner-kanntes und daher in Zukunft eventuell zu Erkennendes sein, eineForm des Intellektualismus? Läßt sich Kants Theorie nicht so wei-lt *