Druckschrift 
Kant als Philosoph der modernen Kultur : ein geschichtsphilosophischer Versuch
Entstehung
Seite
156
Einzelbild herunterladen
 

156

Die übliche Einsicht, die Kant zerstörte, setzt voraus, es gäbe unab-hängig von der Erkenntnis Gegenstände, die wie alle Gegenständeaus Form und Inhalt bestehen, und die Erkenntnis erfasse den Ge-genstand dadurch, daß sie ihm mit Rücksicht auf Form und Inhaltgleicht, also sowohl die Form als auch den Inhalt abbildet. Dem-nach liegt es nicht etwa so, daß erst Kant Form und Inhalt im Er-kennen voneinander scheidet. Das hat man immer getan, und ohnediese Scheidung kommt keine Philosophie aus. Das Eigentümlicheder Kantischen Lehre besteht vielmehr darin, daß Form und Inhaltder Erkenntnis bei ihm in ein anderes Verhältnis zueinander gesetztwerden als in der vor ihm herrschenden Theorie.

Mit Rücksicht auf den Inhalt der Erkenntnis können wir allenfallsvon einem Abbilden des Objektes durch das erkennende Subjektreden. Mit Rücksicht auf die Form dagegen wird die koperni-kanische Umkehrung notwendig, und im Zusammenhang mit KantsKategorienlehre verliert sie dann jeden Anschein von Paradoxie. Ja,wenn man sich auf das logische Wesen der kategorialen Faktoren be-sinnt, muß sofort klar werden, daß die Form nicht, wie ein realer Ge-genstand, zweimal da sein kann, einmal im Objekt und dann imSubjekt, und daß es daher von vorneherein unmöglich ist, zu sagen,die Form des Objekts sei der Form des Subjekts gleich oder werdevon ihr abgebildet. Die Form ist vielmehr stets ein und dieselbeForm, d. h. nicht um Gleichheit, sondern um Identität von Er-kenntnis und Gegenstand handelt es sich.

Das aber bedeutet, es gibt keine für sich bestehenden Gegen-stände, deren Formen abzubilden möglich ist, sondern das Erkennenbesteht darin, daß wir einem Inhalt die Erkenntnisform verleihen.So entsteht ein neuer Begriff des Erkennens, der sich kurz so be-stimmen läßt. Die Beziehung unserer Erkenntnis auf den Gegen-stand ist nicht auf ein Abbildverhältnis zurückzuführen, sondernallein darauf, daß die Verbindung der Vorstellungen, mit denen wirerkennen, wie Kant sagt, einerRegel unterworfen wird. Das aber,bedeutet: bringen wir einen Inhalt nach einer Regel unter die Form,die zu ihm gehört, dann haben wir ihn als Gegenstand erkannt.

Dies kann genügen, um das allgemeine Prinzip klar zu machen.Auf die Beweise, die Kant für seine Ansicht gibt, kommt es hier nichtan. Wir verstehen das Ergebnis: Erkennen ist nach Kant nicht ein