liehe Bedeutung besitzt, sondern auch dieKantische Grundlegung dermathematischen Naturwissenschaft tritt, so wichtig ihr rein theore-tischer Gehalt im übrigen sein mag, für unsere Fragestellung sogardort zurück, wo wir uns auf die theoretische Philosophie beschrän-ken,denn wir bringen die Erkenntnistheorie sofort mit den umfassend-sten philosophischen Problemen der Weltanschauung in Verbindung.
Es ist durchaus im Sinne Kants, wenn wir das tun. Für ihn lagder Schwerpunkt, schon als er die Kritik der reinen Vernunft schrieb,nicht in der transzendentalen Aesthetik und Analytik, sondern in derDialektik, und das bedeutet: nicht eine Theorie der Erfah-rungswissenschaften ist das Hauptproblem dieses Werks, sondernum die alten, immer wiederkehrenden Probleme der Metaphysikdreht es sich. Durch ihre Behandlung wird das Fundament für eineumfassende Weltanschauungslehre gelegt, die in der Behandlungreligionsphilosophischer Fragen gipfelt, und die Theorie der Mathe-matik und Physik ist dazu lediglich Vorbereitung. Die Grund-frage lautet: was können wir vom „Wesen“ der Welt und der Gott-heit erkennen ? Nur weil Kant, um hierauf eine Antwort zu finden,einen Begriff der Erkenntnis überhaupt brauchte, mußte er zunächstdie Disziplinen untersuchen, die „den sicheren Weg der Wissenschaftgehen“, und dann erst konnte er feststellen, was eine Erkenntnis desWeltganzen und Gottes bedeutet, wie die Philosophie sie sich stetszur Aufgabe gemacht hat. Alles stand bei Kant im Dienst diesesZwecks. Das Schicksal der Metaphysik und der Religion war es, dasihm stets am Herzen lag, wenn er philosophierte.
Man braucht nur die Vorrede zur ersten Auflage der Kritik derreinen Vernunft zu lesen, und man kann nicht mehr glauben, KantsHauptziel in diesem Buch sei eine Theorie der mathematischen Na-turwissenschaft gewesen. Nur wer der Philosophie eine so universaleAufgabe stellt, wie Kant es stets tat, hat das Recht, sich einen„Kantianer“ zu nennen. Für philosophische Spezialisten, die nichtsanderes als Erkenntnistheoretiker sein wollen, ist die Bezeichnungdurchaus ungeeignet. Auch, ja gerade Kantianismus ist Lehre vomAll der Welt.
Die Vorrede zur zweiten Auflage der Vernunftkritik läßt überdiesen Tatbestand vollends keinen Zweifel, und in ihr wirdauch bereits unzweideutig auf den Punkt hingewiesen, der für unseren