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Kant als Philosoph der modernen Kultur : ein geschichtsphilosophischer Versuch
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allesEmotionale überhaupt steht im Vordergrund, und die reintheoretische Erkenntnis, besonders in Form des abstrakten Begriffs,gilt geradezu als Feind dessen, was wahrhaft wertvoll ist, da sie, wieman behaup tet, das Unmittelbare, auf das es im Leben ankommt,vernichtet. Wir wissen, daß, wo dies Pathos vorherrscht, von Wis-senschaft um der Wissenschaft willen keine Rede sein kann.

Vielfach glaubt man nun, damit sei eine Alternative gegeben,so daß man zwischen dem theoretischen und dem antitheoretischenPathos zu wählen habe, und dann dürfe der wissenschaftliche Menschnur das rein theoretische oder intellektualistische Pathos der Pathos-losigkeit vertreten. Gerade das aber beruht auf einem Irrtum. Esgibt noch ein drittes Pathos, das gewissermaßen zwischen dem reintheoretischen und dem antitheoretischen in der Mitte liegt, und wirkönnen sagen, daß dies Pathos dem Kantischen Denken eigentüm-lich ist. Es setzt die kritische Trennung von atheoretischer Wertungund theoretischer oder wissenschaftlicher Betrachtung in der Weisevoraus, daß beide wenigstens zunächst einmal als gleichberechtigtanerkannt werden. Die theoretische Wertung gilt dann innerhalbder Wissenschaft, die atheoretische dagegen im übrigen, außerwissen-schaftlichen Leben.

Dies Pathos kann sich zum vollen Bewußtsein und theoretisch ge-rechtfertigt nur auf Grund einer Philosophie aller Werte entwickeln,die jedes Wertgebiet in seiner Eigenart und Besonderheit zu verste-hen sucht. Dabei kommt es selbstverständlich nicht darauf an, daßder TerminusWert ausdrücklich verwendet wird. Das allein istwichtig: man muß theoretisch eingesehen haben: es ist einerseits nichtmöglich, die letzten Ziele und Ideale des Lebens nur an der theore-tischen Vernunft zu messen, also z. B. höchste Sittlichkeit undFrömmigkeit mit adäquater Erkenntnis zusammenfallen zu lassen,und trotzdem behält andererseits das rein theoretische Verhalten inder begrenzten Sphäre derWissenschaft eine unantastbare Bedeutung.

Ohne solche Wertvoraussetzungen bleibt es unmöglich, die mo-derne Kultur in ihrer Totalität unbefangen ins Auge zu fassenund dann wissenschaftlich nach allen Seiten zu verstehen, wie dasdie Aufgabe einer universal verfahrenden Philosophie ist.

Nun soll nicht behauptet werden, daß Kant das dritte Pathos,dem die moderne Art der Wertung entspricht, überall zeige, oder daß.