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Kultur zu geben, gelöst hat. Sie stand den einander bekämpfendenTendenzen hilflos gegenüber. Entweder schlug sie sich auf die eineSeite, indem sie an allem nicht Verstandesmäßigen verständnislosvorüberging, oder sie machte zwar den Kampf gegen die verständ-nislose Verstandesmäßigkeit mit, kam dann aber dazu, sich als Phi-losophie selbst zu vernichten, indem sie aller Wissenschaft den Kriegerklärte.
Ein Ausgleich dieser Gegensätze, zu denen unsere Betrachtunguns geführt hat, und die in mancher Hinsicht an die Gegensätze un-serer Zeit erinnern, war ohne ein neues, übergreifendes Prinzip auftheoretischem Gebiet unmöglich. Es blieb in der Philosophie not-wendig entweder bei dem einseitigen Verstandestum, das alles Irra-tionale und Außerintellektuelle verachtete, oder bei dem unge-stümen gefühlsmäßigen Stürmen und Drängen, das zu jedem über-schauenden, die Gegensätze in ihrer Notwendigkeit begreifendenBlick auf das Ganze des Lebens vollends unfähig war. So konnte eskeine Philosophie geben, die das Wesen der modernen Kultur in sei-ner Mannigfaltigkeit und Differenziertheit theoretisch begriff. Esfanden sich in der Weltanschauungslehre, soweit sie überhaupt zuden Problemen der Kultur Stellung nahm, nur verschiedene Par-teien, von denen jede für ein Sondergebiet ein trat. Die Kultur selbstwar seit Renaissance und Reformation durchaus modern in dem an-gegebenen Sinn geworden, aber das Kulturbewußtsein theoretisch zuklären, gelang der Philosophie durch Jahrhunderte hindurch nicht.
Damit können wir auch den letzten Teil der Vorbereitung ab-schließen. Unsere Darstellung hat gezeigt, inwiefern die Lage derPhilosophie zu der Zeit, in der Kant auftrat, sich im Zusammen-hang mit der Kulturentwicklung Europas als notwendig verstehenläßt. Wir fassen kurz noch einmal alles so zusammen.
Da der theoretische Mensch der Neuzeit bei den Griechen in dieSchule gegangen war, trieb er wieder Wissenschaft im höchstenSinne des Worts. Er setzte nach einer durch viele Jahrhunderte sichhinziehenden Unterbrechung das Werk der Griechen mit dem größ-ten Erfolge fort. Trotzdem muß man vom Standpunkt eines wahr-haft umfassenden modernen Kulturbewußtseins, das es in der Phi-losophie der Aufklärung vor Kant noch nicht gab, sagen: der Erfolgder wissenschaftlichen Forschung beschränkte sich auf Spezialgebiete