134
die intellektualistischen als auch die sensualistischen Denker stark,und das bedeutet in jener Zeit nicht wenig, denn es gab damals inEuropa noch viel „aufzuklären“, d. h. alte Vorurteile und Dogmenzu beseitigen. Hierfür blieb auch der einseitige Verstand ebenso wiedas sich auf Einzelheiten beschränkende zergliedernde Verfahreneine durchaus geeignete Waffe. Aber es ist nicht nur von vorne-herein klar, daß es auf diesem Wege zu einem positiven Aufbau nichtkommen konnte, sondern es muß, grade mit Rücksicht auf die Pro-bleme der Kultur, noch etwas anderes hinzugefügt werden. Sogardie Vorzüge und Verdienste der aufklärenden oder aufräumendenDenker haben eine bedenkliche Kehrseite gehabt. Im Zusammen-hang mit der gewiß notwendigen Zerstörungsarbeit entwickelte sichnämlich dort, wo man mit dem Verstand und der Analyse über dieNegation hinauszugehen versuchte, nicht selten ein neuer Dogma-tismus der Verständigkeit, der zwar erfolgreich gegen alte Dogmenankämpfte, dafür aber die Freiheit aller nicht verstandesmäßigenRegungen im Menschenleben ebensosehr einschränkte, wie die vonihm verachtete metaphysische Tradition es tat. Ueberall solltenjetzt „vernünftige Gedanken“ entscheiden, und was sich vor demzergliedernden Verstand nicht als berechtigt auszuweisen vermochte,blieb entweder unbeachtet oder wurde gradezu bekämpft, mochte esauf sittlichem oder auf künstlerischem oder auf religiösem Gebietliegen.
So entstand ähnlich wie in den metaphysischen Systemen für dasAll der Welt, auf anderem Niveau ein Intellektualismus und Ratio-nalismus für die Totalität des menschlichen Daseins, dessenVerständnislosigkeit gegenüber allem Irrationalen im Leben derKultur sogar durch einen metaphysischen Intellektualismus nichtzu überbieten war.
In unserem Zusammenhang haben diese Tendenzen noch eine be-sondere Bedeutung. Sie führten, je konsequenter sie ausgebildetwurden, desto mehr dazu, eine lebhafte Opposition gegen sichhervorzurufen und hatten insofern starken Einfluß auf das Lebender Zeit. Die Gründe dafür verstehen wir nach unseren früheren Dar-legungen leicht. Wir brauchen wiederum nur an das zu denken, waswir über den europäischen Rationalismus im allgemeinen ausgeführthaben. Es mußten in ihm als Kontrasterscheinungen antirationali-