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Kant als Philosoph der modernen Kultur : ein geschichtsphilosophischer Versuch
Entstehung
Seite
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Wenige Tatsachen werden genügen, um zu zeigen, daß unsere Be-hauptung nicht etwa eine bloße Konstruktion ist.

Unter allen Systematikern nach der Renaissance hat vor KantDescartes den weitaus größten Einfluß auf das europäische Denkenausgeübt. Allerdings ist wiederholt darauf hingewiesen worden, daßdieser Metaphysiker nicht nur Intellektualist gewesen sei, ja manhat sogar von einemPrimat des Willens bei ihm gesprochen. Dochbrauchen wir auf die Streitfragen, die hier entstehen können, unsnicht einzulassen, denn selbst wenn man alle antiintellektualisti-schen Tendenzen, die man bei Descartes gefunden hat, zugeben will,reichen sie doch nicht aus, um die Grundlagen seiner Philosophie alsgeeignet zum Aufbau einer im angegebenen Sinn modernen, d. h.universalen und objektiven Philosophie der modernen Kultur zu er-weisen.

Descartes geht von dem Satzsum cogitans aus, um die Welt inihrer Totalität zu begreifen. Zwar fällt seinDenken nicht vonvorneherein mit dem spezifisch logischen Denken zusammen, aber esbekommt im Verlauf der Untersuchung bald einen Charakter, derdem System ein intellektualistisches Gepräge aufdrückt: nur daswird als gewiß und deshalb als wirklich anerkannt, was sichklarund deutlich denken läßt. So gibt ein logisches Prinzip den festenPunkt, von dem die Welt aus den Angeln gehoben werden soll. Wasvor dem Intellekt nicht besteht, kat keinen gesicherten Bestand imRealen. Auch die Körper, die es außer dem Denken gibt, sind nurso weit wirklich, als sie klar und deutlich erkannt werden, und dieGottheit läßt sich begreifen als das Ideal der theoretischen Vollkom-menheit. Descartes Gottesbeweis kommt gradezu darauf hinaus,daß der irrende Mensch als Maßstab seines Denkens einen Gott an-erkennen muß, der als Wahrheit über allem Irrtum steht. Damit istdie Religion ebenso wie die Metaphysik intellektualistisch bestimmt.

Mit dem sittlichen Leben steht es schließlich nicht anders. Es gibtin der menschlichen Seele zwar etwas, das nicht reiner Gedanke ist,aber darin haben wir lediglich eine Störung zu sehen, und auch ethischhat der Mensch die Aufgabe, die perturbationes animi als Hemm-nisse des klaren Denkens zu überwinden. Ich bin denkend, so be-ginnt Descartes sein System. Ich soll nur denkend sein, so schließt erer es ab. Dem Grundgedanken gegenüber kommen Einschränkungen,

Eiokert, Kant. 9