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Kant als Philosoph der modernen Kultur : ein geschichtsphilosophischer Versuch
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Einzelne hat sich zu entscheiden, welches für ihn der Gott undwelches der Teufel ist. So geht es durch alle Ordnungen des Lebenshindurch. Der großartige Rationalismus der ethisch-methodischenLebensführung, der aus jeder religiösen Prophetie quillt, hatte dieseVielgötterei entthront zugunsten desEinen, das not tut, undhat dann, angesichts der Realitäten des äußeren und inneren Le-bens, sich zu jenen Kompromissen und Relativierungen genötigt ge-sehen, die wir alle aus der Geschichte des Christentums kennen.Heute aber ist es religiöserAlltag. Die alten vielen Götter, ent-zaubert und daher in Gestalt unpersönlicher Mächte, entsteigenihren Gräbern, streben nach Gewalt über unser Leben und beginnenuntereinander wieder ihren ewigen Kampf.

Vielleicht findet man die Gegensätze, die das moderne Kultur-leben durchziehen, übertrieben und die Schwierigkeiten der Situ-ation allzusehr zugespitzt. Aber darauf kommt es in diesem Zusam-menhang nicht an. Das Prinzip bleibt dadurch unberührt, und un-sere Darlegungen müssen gezeigt haben, wie in der Tat mit dem We-sen der modernen Kultur seit Renaissance und Reformation Kon-flikte, insbesondere zwischen Wissenschaft, Staat und Religion not-wendig verknüpft sind. Jede dieser drei Kulturmächte steht imDienst der Verwirklichung von besonderen Eigenwerten und darfkeine Rücksicht auf die Realisierung anderer Werte nehmen, falls siedadurch in der vollen Entfaltung ihrer Eigenart gestört wird. Dermoderne Mensch lehnt es einerseits ab, sich einer Autorität zu unter-werfen, die Partei ist, und die ihm daher notwendig als Fremdherr-schaft auf allen von ihr nicht bevorzugten Kulturgebieten erscheint,und er weigert sich andererseits auch, eine über den Parteien stehendeAutorität anzuerkennen, welche wie die mittelalterliche Kirche dieverschiedenen Kulturtätigkeiten nur dadurch zu würdigen weiß, daßsie sie als Mittel zu einem nicht mehr in ihnen selbst liegenden Zweckbenutzen will.

Solange das Kulturbewußtsein im Sinne einer solchen strengdurchgeführten Eigengesetzlichkeit modern bleibt, werden auchimmer wieder Kämpfe zwischen den verschiedenen Wert- und Ziel-setzungen entstehen, und sie lassen sich auf keinen Fall dadurchschlichten, daß eine der Kulturmächte die Vorherrschaft an sichreißt, um ihre Autorität den anderen Mächten aufzudrängen. Das