Druckschrift 
Kant als Philosoph der modernen Kultur : ein geschichtsphilosophischer Versuch
Entstehung
Seite
123
Einzelbild herunterladen
 

wissenschaftlich arbeitet und dabei nicht gegen das, was um ihn hervorgeht, absichtlich die Augen verschließt, dem müssen die Eigen-tümlichkeiten der modernen Kultur in der angegebenen Weise zumBewußtsein kommen, und er wird sich dann völlig darüber klar sein,daß es ohne Konflikte und Kämpfe in der modernen Welt auch fürdie Wissenschaft nicht abgeht.

Wir vergegenwärtigen uns dies noch an einem Beispiel aus derneuesten Zeit und wählen zu diesem Zwecke wieder Sätze von MaxWeber. Sie finden sich in seinem Vortrag über Wissenschaft als Be-ruf, der freilich mehr Widerspruch als Zustimmung gefunden hat,trotzdem aber, wie man auch über seine Einzelheiten denken mag,für die Stellung des modernen wissenschaftlichen Menschen zur Ge-samtkultur der Neuzeit ungemein charakteristisch bleibt. Daß We-ber die Schwierigkeiten, die sich ihm ergaben, für dauernd und fürgrundsätzlich unvermeidlich hielt, ändert an der Bedeutung seinerAusführungen für uns gewiß nichts, denn das Problem wird dadurchnur um so schärfer herausgearbeitet x ).

In der modernen Kultur streiten verschiedene Götter miteinander,und zwar nach Weber für alle Zeit. Es ist wie in der alten, noch nichtvon ihren Göttern und Dämonen entzauberten Welt, nur in anderemSinn: wie der Hellene einmal der Aphrodite opferte und dann demApollon und vor allem jeder den Göttern seiner Stadt, so ist es, ent-zaubert und entkleidet der mythischen, aber innerlich wahren Pla-stik jenes Verhaltens, noch heute. Es läßt sich nur verstehen, wasdas Göttliche für die eine und für die andere oder in der einen und inder anderen Ordnung ist. Je nach der letzten Stellungnahme ist fürden Einzelnen das eine der Teufel und das andere der Gott, und der

1) Der Vortrag, der zuerst 1919 erschien, ist wieder abgedruckt in WebersGesammelten Aufsätzen zur Wissenschaftslehre. 1922. Der Widerspruch da-gegen ist in Bezug auf einzelne Punkte vielleicht begründet, zum großenTeil aber wissenschaftlich nicht ernst zu nehmen. Bei denSchau-lustigen,Erlebnis-bedürftigen und anderen Aestheten, denen hier ein so unbarm-herziger Spiegel vorgehalten wird, mußte Opposition entstehen, und esist nur ergötzlich, zu beobachten, wie sie, denen WebersPersönlichkeitzugleich eine so anziehende Sensation verschaffte, sich vor dieser herbenWissenschaftlichkeit drehen und winden. Besonders drollig wirkt es, wie siesich dabei mit der unbequemen Tatsache abfinden, daß der von ihnen an-geschwärmte Mann zu meiner, ihren Sentimentalitäten erfreulicherweise höchstunsympathischen Wissenschaftslehre sich durchaus zustimmend verhalten, jaausdrücklich als entscheidend von ihr beeinflußt erklärt hat.