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Selbstverständlich besteht dies Problem in voller Allgemeinheitnur für den, der über das Wesen der modernen Kultur theoretischreflektiert und ferner die Eigenbedeutung und das Eigenrecht derverschiedenen Kulturgebiete, insbesondere der Wissenschaft, desStaates und der Religion ausdrücklich anerkennt. Der wissenschaft-liche oder der politische oder der religiöse Mensch kann jeder für sichauch in der modernen Kultur einseitig sein, und er wird dann keinemanderen Wert Eigenbedeutung zuschreiben als dem, den er zu reali-sieren sich zu seiner besonderen Aufgabe gemacht hat. Ja er ver-langt dann eventuell, daß die anderen Kulturmächte sich in denDienst seiner Arbeit stellen. Aber er muß in der modernen Welt baldin Konflikt mit den übrigen Kulturmächten kommen, und insofernwird dann auch sein Kulturbewußtsein den Charakter der Zerrissen-heit tragen. Abgesehen davon ist es wohl möglich, daß ein und der-selbe Mensch die Eigenbedeutung sowohl der modernen Wissen-schaft als auch des modernen Staates als auch der modernen Religionanerkennt, ja selber als wissenschaftlicher, als politischer und alsreligiöser Mensch zugleich modern leben will. Dann werden in sei-nem individuellen Bewußtsein die Kennzeichen der modernen Kul-tur sich erst recht geltend machen und das wirkliche Kulturbewußt-sein der einzelnen Individuen so bestimmen, daß durchaus nicht einbloßes Produkt theoretischer Reflexion vorzuliegen braucht, wennwir von der Uneinheitlichkeit des modernen Kulturbewußtseinssprechen.
Endlich ist noch zu bemerken, daß diese Eigentümlichkeiten nichtetwa nur während der Anfänge der modernen Welt, also in den Zei-ten von Renaissance und Reformation bestehen, sondern in der wei-teren Entwicklung der europäischen Kultur, mehr oder wenigerdeutlich, überall zu konstatieren sind, ja sich in voller Stärke bis aufden heutigen Tag erhalten haben. Es leben noch jetzt Menschen inder Ueberzeugung, daß es unmöglich sei, auf einem der verschiede-nen Kulturgebiete zu wirken, ohne dadurch in Konflikte mit denVertretern anderer Kulturgebiete zu kommen, ja sie sehen hieringradezu das Wesen der modernen Kultur im Unterschied sowohl vonder antiken als auch von der mittelalterlichen. Bei modernen Poli-tikern mag ein solches Bewußtsein sich seltener finden, und auch beireligiösen Menschen tritt es gewiß nicht immer zutage. Wer aber