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Kant als Philosoph der modernen Kultur : ein geschichtsphilosophischer Versuch
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nach Renaissance und Reformation nicht mehr gibt. Die drei frühervereinigten Mächte sind wieder auseinander getreten. Wir begreifenferner, daß wenigstens zunächst alles auf eine weitere Differenzie-rung der Gesamtkultur gerichtet sein mußte, wenn die Tendenzender Renaissance und der Reformation sich entfalten sollten. Wissen-schaft, Staat und Religion brauchten Freiheit oder Unabhängigkeit,und zwar nicht nur von der Kirche, sondern auch voneinander, umsich in ihrer Eigenart zu entwickeln und sich dabei von keinen ande-ren Werten als von den durch sie selber in Kulturgütern zu realisie-renden Eigenwerten leiten zu lassen. So kam es vor allem auf dieHerausarbeitung der Eigenart und der Eigenbedeutung jedes beson-deren Kulturgebietes an. Nur wo solche Bestrebungen zu konsta-tieren sind, können wir von einer spezifisch modernen Kultur in derhier gemeinten Bedeutung des Worts sprechen.

Auch das ist klar, warum damit Kämpfe von neuer Art entstan-den. Es konnte nicht ausbleiben, daß die verschiedenen modernenStrömungen sich nicht allein gegen das Mittelalter wehrten, sonderndaß es auch zwischen ihnen selbst zu Konflikten kam, und zwar umso mehr, je energischer sie die Richtung auf Selbständigkeit verfolg-ten. Es fehlte die Autorität, der sich alle gebeugt hatten, und für diesie ihr Eigenwesen so weit beschränkten, daß ein harmonisches Zu-sammenwirken möglich wurde. Jetzt will man sich überhaupt kei-ner Autorität unterwerfen, die von außen kommt, und man muß da-her nicht nur die Autorität der alten Kirche, sondern ebenso die Au-torität einer der modernen Kulturmächte ablehnen, die den An-spruch erhebt, die anderen sich irgendwie unterzuordnen. Das gehtalles bereits aus unserer Darstellung als notwendig hervor. Die mo-derne Kultur ist von Kräften beherrscht, die einander widerstreben,und das moderne Kulturbewußtsein trägt daher, um mit Hegel zureden, den Charakter derZerrissenheit. Darüber darf man sichkeiner Täuschung hingeben. Auch ist nicht zu verkennen, daß derMangel an Einheit im Wesen der Sache liegt. So wird es zu einemschweren praktischen und theoretischen Problem, wie sich Selbstän-digkeit und Eigenbedeutung der verschiedenen Kulturgebiete miteiner Geschlossenheit der Gesamtkultur verbinden lassen. Man kanndarin geradezu das Grundproblem der modernen Kultur und des mo-dernen Kulturbewußtseins sehen.