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Kant als Philosoph der modernen Kultur : ein geschichtsphilosophischer Versuch
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ein System von Grundsätzen zurecht macht, wird er nicht gradedann dauernd dem Uebel widerstreben müssen und so dies Verbotder Bergpredigtad absurdum führen?

Solchen Schwierigkeiten, die man selber schafft, entgeht man,wenn man stets daran festhält, daß die Sätze des Evangeliums nichtden Sinn haben, den der rationalistisch geschulte Europäer ihnenunterzulegen stets in Versuchung ist. Sie heben mit jenem Radika-lismus, den eine Predigt nicht vermeiden kann, das Neue her-aus, das gesagt werden muß, aber sie meinen nicht, daß dies Neuenun das Einzige sei. Grade durch Konsequenzmacherei wird dasNeue, nämlich das Irrationale in seiner Irrationalität vernichtet. DasWesentliche, zumal in den radikalstenWorten, ist eine bis zur Gleich-gültigkeit gesteigerte Ablehnung derWelt. Diese wird so unter-geordnet, daß sie nicht einmal bekämpft zu werden braucht. Im Ir-dischen geht es irdisch zu, und solange Ihr auf der Erde lebt, vergebtIhr Euch nichts, wenn Ihr Euch damit abfindet. Belaßt das Irdischein seiner Relativität und Indifferenz, und überschätzt es auch da-durch nicht, daß Ihr Euch dauernd dagegen auflehnt.

So haben viele Christen gelebt, und sie hörten darum gewiß nichtauf, Christen zu sein. Nur darf man auch aus solchen Sätzen wiederkeine rationaleLehre machen wollen. Sie bleiben als theoretischeFormulierungen notwendig inadäquat, weil sie versuchen, das Irra-tionale im Christentum in rationaler Weise so zum Ausdruck zubringen, daß man es nicht nur religiösfühlend, sondern auch logischdenkend verstehen kann.

Ueber logische Schwierigkeiten kommt man in einer wissenschaft-lichen Untersuchung des Christentums nie ganz hinweg. Sie liegenim Wesen der Sache. Auf sie wird ebenso im christlichen Leben jederrational veranlagte Mensch stoßen. Sie sind daher zu beachten beidem Versuch, die christliche Religion im Zusammenhang mit dememinent rationalen europäischen Kulturleben zu verstehen. Man be-greift von hier aus sofort, daß das, was wir das Ursprüngliche imChristentum nennen und herauslösen mußten, um seine Eigenart zubestimmen, in seiner Ursprünglichkeit und Reinheit nicht erhaltenbleiben konnte, sobald es als ein Moment in umfassende Kulturzu-sammenhänge eintrat. OhneKompromisse, wie wir nun sagen dür-fen, ging es innerhalb der rationalistischen Kultur Europas nicht ab.