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Kant als Philosoph der modernen Kultur : ein geschichtsphilosophischer Versuch
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Die Ausführungen ließen sich noch lange fortsetzen. An Gnade,Erlösung, Rechtfertigung, Prädestination, Wiedergeburt, die für dashistorische Christentum wichtig sind, wären noch eine Fülle von ir-rationalen, aber darum nicht paradoxen Momenten aufzuzeigen. Dochwir brechen ab. Nur wenige Beispiele zur Klärung des allgemeinenPrinzips waren nötig. Ja die Darstellung soll fragmentarisch blei-ben, denn jeder Versuch zur Vollständigkeit würde gradezu demWesen der Sache widerstreiten. Das Christentum darf nicht so be-handelt werden wie eine abstrakte Lehre, deren Gehalt sich er-schöpfen läßt. Auch die umfassendste Wiedergabe bliebe notwendigein unvollkommener Versuch, das Irrationale mit rational verständ-lichen Sätzen zu umschreiben.

Vollends verfälscht man das Wesen dieser Religion, wenn man ausihr ein konsequentes System macht. Sie hat auch keinen ratio-nalen Kern, aus dem sich Folgerungen ableiten ließen. Von allenZügen, die man herausgreift, muß man sagen können, daß sie unteranderen im Christentum auch vorhanden sind, aber man geht indie Irre, sobald man dasauch in einnur verwandelt und ihnenausschließende Bedeutung beilegt. Es gibt eine Fülle von Momen-ten, die im religiösen Leben ohne Widerstreit nebeneinander be-stehen, in einer rationalen Lehre dagegen als miteinander unver-einbar erscheinen. Das ist kein Einwand gegen die irrationale Reli-gion. Widerspruchslosigkeit bedeutet ein rationales Kriterium, undKonsequenz verlangt lediglich der Intellekt. Dem Rationalisten undIntellektualisten muß es allerdings schwer sein, das Evangelium zuverstehen, denn er wird immer versuchen, es mit dem Verständeaufzufassen, und je besser ihm das gelingt, um so sicherer kann ersein, daß ihm dabei das Wesentliche unverständlich bleibt. Auch dasdarf man nicht für paradox halten. Wie wir Kunstwerke, die eben-falls völlig irrational sein können, trotzdem ästhetisch verstehen, sobraucht das Verständnis des religiösen Lebens mit dem logischenVerständnis durch den Verstand ebenfalls nichts zu tun zu hahen.

Dieser Umstand bestimmt den Charakter unserer wissenschaft-lichen Betrachtung. In ihr bleibt uns nichts anderes übrig, als dasIrrationale des Christentums dadurch zum Bewußtsein zu bringen,daß wir es gegen das Rationale abgrenzen, d. h. sagen, was es nichtist, um so den Kreis um das Gemeinte herum enger zu ziehen.