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annehmen. Das Gesollte tritt dem Willen als Inbegriff von Gebotengegenüber, die untereinander rational verbunden sind, gleichviel wel-ches der letzte Eigenwert ist, der ihr Gebotensein trägt. Nicht alleindie politisch fundierte Sittlichkeit der Römer, sondern auch die reli-giös fundierte Sittlichkeit des Judentums war in diesem Sinn rationalgestaltet. Gott ist hier der Gesetzgeber, der dem Menschen befiehlt,wie er handeln soll, und die größte ethische Sublimierung findet dieReligion in dem Gedanken an seine Gerechtigkeit. Damit aber istein eminent rationales Moment gegeben, denn gerechte Entschei-dungen sind ohne Abwägen von Gründen unmöglich. Der Menschkann im Dienste des gerechten Gottes nichts Besseres tun, als selbergerecht handeln, und dabei muß er sich von seiner Ratio leiten lassen.
Davon weicht die Eigenart der christlichen Sittlichkeit weit ab, jasie sprengt den Begriff des Sittlichen gradezu, falls man unter sitt-lich ein Handeln versteht, bei dem der Wille durch das Gewissen ge-leitet wird und die Pflichtgebote den Anspruch auf Allgemeingültig-keit erheben. Bei einer solchen rationalen Sittlichkeit will das Chri-stentum nicht als bei dem Höchsten stehen bleiben. Das kommt beiJesus in seinem Verhältnis zum Judentum unzweideutig zum Aus-druck. Er beabsichtigt zwar nicht, das Gesetz umzustoßen, sonderner erkennt seine Ratio durchaus an. Trotzdem strebt er darüberhinaus, zu einer „besseren Gerechtigkeit“, und dabei wird er wie-der geleitet von dem, was im Zentrum der christlichen Religionsteht, von der Gotteskindschaft und der persönlichen Liebe als denspezifisch irrationalen Momenten.
Harnack hat diese Seite in seinen Vorlesungen über das Wesen desChristentums klar dargestellt, und wir können uns hier auf ihn be-rufen. Bedenklich scheint nur, daß er wiederholt von den Para-doxien des Christentums redet. Das ist, wie wir gesehen haben, einefür unseren Zusammenhang unzulässige, weil rationalistische oderintellektualistische Deutung, und deswegen mußten wir uns hier un-seren eigenen Weg suchen J ). Die Hauptsache bleibt für uns das ir-rationale Moment auch in der „besseren Gerechtigkeit“, die paradox
1) Vielen Dank schulde Ich auch den Deutschen Schritten von Paul de Lagarde.Sie haben in meiner Jugend einen starken Eindruck auf mich gemacht. Heutestehe ich ihnen ferner, aber ihre Wirkung auf meine Auffassung der christlichenReligion ist nicht aufgehoben.