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Kant als Philosoph der modernen Kultur : ein geschichtsphilosophischer Versuch
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heiten als Falschheiten gibt. Gotteskindschaft will der Ausdruck füreine Art des religiösen Lebens sein, und nur weil davon in einem phi-losophischen Zusammenhang geredet wird, sieht es so aus, als werdedamit eineLehre verkündet, bei der es auf theoretische Wahrheitoder Unwahrheit ankommen könne. Statt: das ist nicht wahr, soll-ten wir lieber sagen: das ist nicht genuin griechisch. Dann wird allesklar. Die christliche Religion ist in der Tat mit einer intellektualisti-schen Philosophie wie der griechischen ganz unvereinbar. Aber da-mit ist endgültig noch nichts über sie als Religion entschieden, denndas bleibt ja grade problematisch, ob der griechische Intellektualis-mus als Weltanschauung wahr ist, und ob deswegen die christlicheReligion in ihrem völlig irrationalen Wesen mit jeder Philosophieunverträglich sein muß oder nur mit der griechischen.

Doch zunächst war das Irrationale der christlichen Religion aus-drücklich zum Rewußtsein zu bringen, ohne Rücksicht auf seineStellung in einem umfassenden Kulturzusammenhang, und das seinoch von einer anderen Seite, und zwar wieder durch einen Vergleichversucht.

Wir dürfen nicht nur auf den Gegensatz zum griechischen Intel-lektualismus reflektieren, sondern müssen auch das Verhältnis zumRationalismus überhaupt ins Auge fassen, und dabei ziehen wiraußer dem Römertum auch das Judentum heran, da das Evangeliumzu ihm ein bestimmtes Verhältnis hat, und deswegen die Unter-schiede noch deutlicher werden. Wir knüpfen dabei an das sittlicheLeben an und stellen fest: seine Auffassung zeigt bei Griechen, Rö-mern und Juden, so verschieden sie sich bei jedem von ihnen gestal-ten mag, trotzdem etwas Gemeinsames, sobald wir ihr die christlicheAuffassung gegenüberstellen. Dies Gemeinsame aber ist das Ratio-nale, und im Gegensatz zu ihm tritt dann wieder der irrationale Cha-rakter des Christentums zutage.

Daß es auf dem Boden der griechischen Weltanschauung nur einerationalistische Ethik geben kann, versteht sich nach den früherenAusführungen von selbst, und ebensowenig bedarf es eines Beweises,daß die römische Ethik ein rationalistisches Gepräge zeigen muß.Jede konsequent durchgeführte Rechts- und Staatsordnung, ja jedesSystem von sittlichen Vorschriften wird, je konsequenter und voll-ständiger inan es ausgestaltet, einen desto mehr rationalen Charakter