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Wollen wir mit Rücksicht hierauf von „griechischer Seele“ oder„griechischem Geist“ reden, so kann darunter nicht eine für sich be-stehende zeitliche Realität, am wenigsten die Menge des griechi-schen Volkes und seine wirkliche psychische Verfassung gemeintsein, sondern nichts anderes als der in Griechenland wirklich zumAusdruck gekommene, aber von den einmaligen körperlichen undseelischen Wirklichkeiten der Vergangenheit ablösbare Sinngehaltder Kultur, der seine Abgelöstheit darin bekundet,, daß er in die eu-ropäische Kultur der Folgezeit eingegangen ist, d. h. in ihrer Wissen-schaft und Weltanschauung weitergelebt hat. „Griechentum“, wiewir das Wort gebrauchen, ist für sich betrachtet ein unwirklichesSinngebilde.
Fassen wir das Griechentum in dieser Weise wertphilosophisch,d. h. sehen wir in ihm die Verkörperung eines Kultursinnes, der amWerte der theoretischen Wahrheit orientiert ist, dann dürfen wir mitDilthey sagen, daß mit dem Römertum eine Welt neuer Begriffeüber den Horizont des geschichtlichen Bewußtseins tritt und es soist, als ob ein neuer Erdteil aus dem Meere auftauche. Neu ist näm-lich das, was in Rom entsteht, nicht etwa deswegen, weil sein Mittel-punkt der Wille war, sondern weil ein Kulturgehalt herausgearbeitetund ins Zentrum gestellt wurde, der sich am Wahrheitswert der theo-retischen Vernunft nicht messen läßt, ja den der menschliche Intel-lekt für sich allein überhaupt nicht zu fassen vermag. Für ihn sindnicht logische Gesetze, sondern Formen des staatlichen Lebens aus-schlaggebend. Er wird von Normen bestimmt, die das Handeln derMenschen regeln, indem sie die Willenssphären gegeneinander ab-grenzen und so für das Zusammenwirken aktiver Personen neue Ord-nungen entstehen lassen, Ordnungen, die in keiner Weise mit denGesetzen des Denkens und des Kosmos zusammenfallen, wie die Wis-senschaft sie erkennt.
Daß es auch beim Römertum auf ein Sinngebilde ankommt, istklar. Staaten, in denen wollende Menschen Zusammenleben, hat esüberall und längst vor den Römern gegeben. Das Neue besteht darin,daß Rom ein durchgebildetes Recht und einen Rechtsstaathervorbringt, wie ihn die Welt früher nicht kannte, und dessen ob-jektiver Gehalt entscheidet über die Bedeutung des Römertums fürEuropa.- Nur Kulturformen, wie sie hier herausgearbeitet wurden,