sehen. Das wirkliche Kulturleben fällt auch in dieser Hinsicht nie-mals faktisch in theoretisches Denken, politisches Wollen und reli-giöses Fühlen als in drei seelische Realitäten verschiedener Art aus-einander, so daß diese seine Teile auch abgesondert für sich bestehenoder wirklich sein könnten, wie Griff und Klinge eines Messers. In-sofern hat der beliebte, gegen begriffliche Trennungen erhobene Ein-wand, der Mensch sei eine Ganzheit und lasse sich nicht in Stückezerreißen, völlig recht. Aber er bedeutet in diesem Zusammenhangkeinen Einwand, denn ohne begriffliche Scheidungen des faktischVerbundenen kommt die Wissenschaft nirgends aus, so sehr sie vonEinheit und Ganzheit des Realen überzeugt sein mag. Wir müssenbegriffliche Trennungen vollziehen, um die Eigenart der verschiede-nen Kulturgebiete zunächst nach der Seite ihres objektiven Gehaltsund dann auch nach der Seite des dazu Stellung nehmenden mensch-lichen Seelenlebens in ihrer Besonderheit zu erfassen, und das alleinist wichtig, daß wir über die leitenden Gesichtspunkte einer solchentrennenden Begriffsbildung nicht im unklaren sind. Sie könnennicht der Psychologie, sondern nur dem objektiven Gehalt des Kul-turlebens entnommen sein, d. h. sie beziehen sich, um geschichtsphi-losophisch bedeutsam zu werden, notwendig auf die geschichtlicheVerschiedenheit des Kulturgehalts, nicht auf die für den Psychologenwesentlichen Unterschiede im Seelenleben.
Das alles mußte mit Rücksicht auf weit verbreitete Vorurteile undIrrtümer ausdrücklich und ausführlich gesagt werden, bevor wir da-zu übergehen, festzustellen, was uns als das Wesen der griechischenWissenschaft und des griechischen Menschen, des römischen Staats-lebens und des römischen Menschen, der christlichen Religion unddes christlichen Menschen entgegentritt, wenn wir auf die Unter-schiede dieser Gebilde voneinander achten. Wir können dann in demkulturphilosophischen Zusammenhang auch Ausdrücke wie Denken,Wollen und Fühlen verwenden ohne Gefahr, daß sie psychologischmißverstanden und als unzulässige Hypostasierungen gedeutet wer-den. Als wissenschaftlicher Kulturmensch ist der Grieche denkend,wenn er theoretische Wahrheiten erfaßt, als politischer Kultur-mensch ist der Römer wollend, wenn er im Staat tätig lebt. Als reli-giöser Mensch ist der Christ fühlend, wenn die besondere Religiondes Christentums in ihm lebendig wird. Der Schwerpunkt unseres