Druckschrift 
Kant als Philosoph der modernen Kultur : ein geschichtsphilosophischer Versuch
Entstehung
Seite
74
Einzelbild herunterladen
 

74

praktischen Handeln findet, sondern in einem Gut eigener Art, dasspäter zu bestimmen sein wird.

Daraus ergibt sich dann methodisch: Termini wie der theoretischdenkende, der politisch wollende und der religiös fühlende Menschsind in unserem geschichtsphilosophischen Zusammenhang Namenfür begriffliche Abstraktionen, die wir brauchen, um die sonst un-übersehbare Mannigfaltigkeit des menschlichen Kulturlebens mitRücksicht auf die Verschiedenheit seines objektiven Gehalts über-sehbar zu machen und zu gliedern. Sie dürfen auf keinen Fall als Be-zeichnungen für in sich geschlossene, faktisch gegeneinander abge-grenzte seelische Realitäten gelten. Der Gesichtspunkt, der uns beider Begriffsbildung leitet, wenn wir nicht nur für die Kulturgüter,sondern auch für das Seelenleben der Menschen Begriffe bilden, diesich auf die Unterschiede des Kulturgehalts beziehen, ist der, daßwir nicht allein die Eigenarten der Kultur, sondern auch die derStellungnahme des Menschen zu ihr ins Auge fassen. Doch bleibt dieStellungnahme ganz vom objektiven Kulturgehalt her bestimmt, undallein mit Rücksicht auf ihn tritt diese oder jene Seite des Seelen-lebens mehr in den Vordergrund oder mehr in den Hintergrund, jenachdem die Menschen mehr zu diesen oder mehr zu jenen Kultur-gütern Stellung nehmen.

Auch in noch anderer Hinsicht darf die Bedeutung von Begriffenwie Denken, Wollen und Fühlen im geschichtlichen Zusammenhangnicht überschätzt werden. Wirerklären gar nichts, wenn wirsagen, die Griechen haben durch ihr Denken die Wissenschaft, dieRömer durch ihr Wollen das Recht hervorgebracht, denn mit demDenken und dem Wollen allein ist es hier nicht getan. Entscheidendwird erst, w a s gedacht und was gewollt wurde, und mit dem Ge-fühl steht es bei der Religion nicht anders. Fühlende Menschen gibtes überall, und erst im Christentum bildet sich die besondere Art desFühlens heraus, die nicht als Gefühl oder als seelischer Vorgang, son-dern durch den Gehalt des dabei Gefühlten wuchtig ist.

Endlich dürfen wir nie vergessen, daß Wissenschaft nur in einerKultur vorkommt, die außerdem irgendwie politisch oder religiös ist,daß ebenso staatliches Leben nur existiert, wo es zugleich irgendeineArt des Wissens und der Religion gibt, und daß ebenso die Religionnur lebendig wird im Zusammenleben wissender und wollender Men-