im Staate lebt. Ebenso denken wir bei dem Ausdruck religiös „füh-lender“ Mensch nicht daran, daß er ausschließlich fühlend sei. Wirsind vielmehr davon überzeugt, daß auch der religiöse Mensch denktund will; ja daß diese Seiten seines Seelenlebens für die Religioneventuell sehr wesentlich sein können, und nur das meinen wir, daßdas Gefühl der Schauplatz ist, auf dem das spezifisch Religiöse sicham reinsten realisiert, weil der Mensch mit dem Gefühl etwas aufzu-fassen vermag, das sich nicht wie die theoretische Wahrheit an seinDenken oder wie ein politisches Ziel an sein Wollen richtet. Erstwenn wir die Worte Denken, Wollen und Fühlen so unpsychologischverwenden, kommen sie in unserem geschichtlichen Zusammenhangmit Recht vor.
Damit über das, was wir hier unter ihnen verstehen, kein Zweifelbleibt, fügen wir noch etwas hinzu. Wir haben keinen Grund, anzu-nehmen, daß das Seelenleben, allgemein psychologisch betrachtet,bei Griechen, Römern und Christen wesentlich voneinander ver-schieden gewesen ist in der Art, daß bei den eineji diese, bei denanderen jene psychische Wirklichkeit faktisch überwog. Die ver-schiedenen psychischen Vorgänge finden sich eventuell bei den ver-schiedensten Völkern in derselben Weise verteilt und gemischt.Nichts von dem, was wir über das Ueberwiegen von Denken oderWollen oder Fühlen sagen, darf daher psychologisch verstanden wer-den. Ueberall kommt es vielmehr darauf an, geschichtliche Kultur-vorgänge so unter Begriffe zu bringen, daß wir dabei nach Sinnund Bedeutung von Gebilden wie griechischer Wissenschaft,römischem Staat und christlicher Religion fragen. Deren Charakterund Wesen läßt sich nicht psychologisch bestimmen, denn Sinn undBedeutung sind überhaupt nichts Psychisches. Zwar werden sie vonseelischen Vorgängen erfaßt, wo sie sich realisieren, aber sie fallennie mit diesen zusammen. Nur um für die psychischen Realitäten, indenen der Sinngehalt der Kultur sich verwirklicht, verständlicheAusdrücke zu haben, nennen wir Denken das, wodurch der Menschsich der theoretischen Wahrheit bemächtigt, bezeichnen wir als Wol-len das, wodurch er am Staatsleben Anteil hat, und reden von Ge-fühl dort, wo wir das meinen, was bei der Beschäftigung mit Wissen-schaft und Politik zurücktritt und für die Art der Religion wichtigwird, die ihren Schwerpunkt nicht im Erkennen und auch nicht im