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Kant als Philosoph der modernen Kultur : ein geschichtsphilosophischer Versuch
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Will nun jemand im Ernst behaupten, die Menschen in Griechen-land hätten faktisch mehr gedacht als gewollt oder gefühlt, die Rö-mer seien im Unterschied davon faktisch mehr wollend als denkendund fühlend gewesen, während im Orient das reale Seelenleben tat-sächlich mehr aus Gefühl und weniger aus Gedanken oder Willens-akten bestand ? So müßte es doch sein, falls für die Unterschiede dergriechischen, der römischen und der christlichen Welt die Konsta-tierung von psychischen Tatsachen auf Grund einer psychologischenDreiteilung von Bedeutung werden sollte. Offenbar aber sind solcheSätze, wenn sie psychologisch als Feststellungen von seelischenWirklichkeiten verstanden werden, völlig problematisch oder haltlosund bleiben unbeweisbar. Wir können über die psychologischeStruktur des realen Seelenlebens in vergangenen Zeiten mit Rück-sicht auf derartige psychische Unterschiede keine bestimmten Aus-sagen machen, und sie kommen bei den Problemen, die wir hier be-handeln, auch gar nicht in Betracht. Die Psychologie hat uns ge-schichtlich nichts zu sagen.

Erst dadurch, daß wir das menschliche Seelenleben mit Kultur-gütern in Verbindung bringen, wird es für unseren Gedankenzusam-menhang wichtig, und das Wesen dieser Kulturgüter müssen wir be-reits festgestellt haben, ehe wir die Deutung des psychischen Seinsmit Rücksicht darauf auch nur beginnen können. Sonst fehlt unsjeder Gesichtspunkt für die Betrachtung und Feststellung der ver-gangenen Wirklichkeit, die ohne Rücksicht auf eine Kultur, derenDokumente sich erhalten haben, uns völlig unbekannt und unzu-gänglich bliebe. Gewiß spielen die Kulturvorgänge sich im Seelenlebeneinzelner Individuen ab. Aber dies Seelenleben ist nichts anderes alsder Schauplatz und fällt als psychische Realität durchaus nichtmit dem, worauf es für die Kulturwissenschaft ankommt, zusam-men.

Wollte man sagen, weil der Schauplatz der Kultur stets seelischist, habe die Psychologie in den Kulturwissenschaften das Wort, sowäre dies Argument ebenso berechtigt, wie wenn man behauptete,da alle geschichtlichen Ereignisse sich auf der Erde abspielen, müssedie Geographie zur Wissenschaft vom geschichtlichen Leben ge-macht werden. Das aber wird wohl niemand behaupten. Wie dieGestaltung der Erde für den Historiker nur die Gestaltung des