Druckschrift 
Kant als Philosoph der modernen Kultur : ein geschichtsphilosophischer Versuch
Entstehung
Seite
65
Einzelbild herunterladen
 

metaphysischen Begriffsbildung. Begriffe, welche teilweise auch inder Begriffssymbolik des religiösen Verhaltens Vorkommen, wer-den hier zentral und leitend. So das Imperium eines souveränenhöchsten Willens über die ganze Welt, die Abgrenzung der verant-wortlichen Freiheit der Personen gegen dieses Imperium, die Abgren-zung der Herrschaftssphären der Einzelwillen voneinander in derRechtsordnung der Gesellschaft, Gesetz als Regel dieser Abgrenzung,Herabdrückung des Subjekts zu der dem Willen unterworfenenSache, äußere Teleologie.

Ungemein eindrucksvoll hat Dilthey das Willensmoment im-mertum dargestellt, und wir geben daher noch einige Einzelheitenwieder. Bei der Betrachtung der als Scipio Africanus gedeutetenRömerbüste werden wir nach Dilthey überfallen von der Massivitätund Wucht eines geborenen Königswillens, der alle griechischen Ge-sichter um ihn zusammendrücken zu müssen scheint. Dieselbe mas-sive Herrscherwürde drücken Gewölbe und Massengliederung desPantheon in Rom oder die Porta Nigra in Trier oder die Sprache derzwölf Tafeln aus, und noch in den Versen Vergils und der Diktion desTacitus empfindet man sie. Das römische Leben in seiner großenZeit ist eine Ordnung, welche Männer im höchsten Verstände, Herr-scher in ihrer Familie und auf ihrem Eigentum zu einem magistrati-schen Zusammenwirken verband, in dem ihre Willensmächtigkeitmit einer einzigen Freiheit schalten konnte, sofern sie dem Wohl desGanzen diente.

Die Hauptsache ist dann die: in Rom sind die Herrschaftsverhält-nisse in Familie, Besitz, Magistratur und politischem Einfluß für dieregierende Klasse der ganze Spielraum ihrer Tätigkeit. Dies be-stimmt die Schätzung der Güter des Lebens. Ein Volk ohne Götter-geschichten und ohne Epos, ebenso ohne wirkliche Philosophie. NochCicero ist unermüdlich in Entschuldigungen, daß er philosophiere.Die ganze Kraft römischen Denkens sammelt sich in der Kunst undden Regeln der Lebensbeherrschung. So erstreckt sie sich auf Land-bau, Wirtschaft, Familienleben, Recht, Militärwesen, Staatsleitung.Ueberall strebt sie hier Regeln zu entwerfen, leitende Grundsätzezum Bewußtsein zu bringen. Instinktiv und unbewußt werden Zweck-mäßigkeit, Interesse und Nutzen an jeder Stelle des Lebens durch-geführt, und überall wird diesem Prinzip entsprechend der Moment

Rickert, Kant. 5