Druckschrift 
Kant als Philosoph der modernen Kultur : ein geschichtsphilosophischer Versuch
Entstehung
Seite
64
Einzelbild herunterladen
 

Dilthey zeigt dann, wie das religiöse Gemütsverhältnis sich mitanderen Faktoren verbindet. Es muß nach seiner Ansicht überall sosein, da alle Vorgänge im Seelenleben miteinander verwebt sind.Dementsprechend finden wir das religiöse Verhältnis mit dem sitt-lichen Bewußtsein und außerdem, wenn auch durch weniger starkeBande, mit den intellektuellen Prozessen wie dem in ihnen sich aus-wirkenden Streben nach Wissen verknüpft. Ganz so wie das reli-giöse Verhalten des Menschen die Moralität auf ein Gesetz Gottesbegründet, führt es die Erkenntnis auf eine Offenbarung Gottes zu-rück. So tritt neben die juristische nun eine metaphysische, d. li. andem Faden des philosophischen Denkens fortlaufende Begriffssym-bolik. Hiermit sind im Religiösen die Ansatzpunkte bezeichnet, andenen sich dann die beiden anderen Motive mit ihm verbinden kön-nen, und dies genügt, um sowohl das Wesen des religiösen Motivsselbst wie seine notwendigen Beziehungen zu den anderen Seiten desSeelenlebens klar zu machen.

Das zweite Motiv der Metaphysik ist nach Dilthey von den Grie-chen zu seiner das europäische Denken bestimmenden Gestalt ent-wickelt worden, und es liegt selbstverständlich in dem ästhe-tisch-wissenschaftlichen Verhalten des Menschen. Dawir von der Forschung der Griechen bereits gesprochen haben, be-schränken wir uns darauf zu sagen, daß Diltheys Ausführungen mitdem, was wir feststellen konnten, jedenfalls nicht unvereinbar sind.Auch er konstatiert, daß die göttliche Vernunft das Prinzip ist,von welchem das Vernunftmäßige in den Dingen bedingt wird, undmit welchem zugleich die menschliche Vernunft verwandt ist. Daskommt, da die Vernunft hier theoretisch zu nehmen ist, auf denGrundgedanken des Intellektualismus hinaus. Einzelheiten sind füruns nicht wesentlich.

Um so wichtiger ist, was Dilthey über das dritte Motiv der Meta-physik sagt. Es hat sich nach ihm in den Lebensbegriffen und dernationalen Metaphysik der Römer ausgesprochen. So wenig wiedas religiöse vermochte es für sich zu einer Philosophie sich zu ent-falten. Aber als eine neue Stellung des Menschen zur Welt übte eseine weitreichende Wirkung aus. Die Stellung des W i 11 e n s in denVerhältnissen von Herrschaft, Freiheit, Gesetz, Recht und Pflichtbildet hier den Ausgangspunkt des Weltverständnisses und der